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Die Legende des Heiligen Mauritius (ca. 434-450)

In der Mitte des fünften Jahrhunderts schrieb Bischof Eucherius von Lyon (ca. 434–450) einen Brief an seinen Mitbischof Salvius, der die älteste bekannte Darstellung des Martyriums des Heiligen Mauritius enthält. Eucherius schreibt die Geschichte, die er aus dritter Hand erhalten haben will, dem Bischof Theodor von Octodurum im Wallis (heute Martigny in der Schweiz) zu. In dieser Legende wird eine Legion christlicher Soldaten, die aus Theben in Ägypten stammen, von dem niederträchtigen Kaiser Maximian angewiesen, andere Christen zu verfolgen. Gestärkt in ihrem Glauben durch den aufrechten Mauritius, weigert sich die Legion, die gottlosen Befehle auszuführen, und erklärt, ihr Eid auf Gott habe Vorrang vor ihrem Eid auf den Kaiser. Der Kaiser lässt die Legion daraufhin dezimieren – d.h., jeder zehnte Mann wird hingerichtet –, doch als diese Bestrafung ihren Widerstand nicht brechen kann, befiehlt er, sie samt und sonders niederzumetzeln. Nach dem Beispiel Christi legen Mauritius und seine Gefährten ihre Waffen nieder und bieten sich ihren Henkern freiwillig dar.

David Woods hat die vielfältigen historischen Unmöglichkeiten in dieser Geschichte übersichtlich zusammengestellt, aufgrund derer viele Wissenschaftler davon ausgehen, dass diese Legende pure Fiktion ist. Für wahrscheinlicher hält Wood, dass Theodor die Geschichte erfunden hätte, um die in seiner Gegend stationierten ägyptischen Truppen davon zu überzeugen, sich dem Usurpator Eugenius (gest. 394) entgegenzustellen, der sich stark auf heidnische Barbaren stützte. Aber auch ohne einen solch dramatischen Hintergrund könnte die Geschichte einfach dazu gedient haben, das Selbstbewusstsein der isolierten christlichen Gemeinden in der Region zu stärken, die immer noch regelmäßig durch Nichtchristen verfolgt wurden, indem sie den Heldenmut einer ägyptischen Einheit bei der Verteidigung ihres Glaubens feierte. Auf jeden Fall wurde die Geschichte der Martyrer zur Grundlage für eine weitreichende Verehrung, die von den deutschen Herrschern übernommen wurde, um ihre Stärke und ihren Universalitätsanspruch zu betonen.

Jeff Bowersox (übersetzt von Lilian Gergely, bearbeitet von Oliver Humberg)


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Das Leiden der Martyrer von Agaune

1. Wie sich das Leiden der heiligen Martyrer zugetragen hat, die Agaune mit ihrem ruhmreichen Blut glanzvoll reingewaschen haben, entfalten wir hier zu Ehren der Geschehnisse in schriftlicher Darstellung, und zwar so getreu, wie ihr Martyrium auf uns gekommen ist, denn im Laufe der Überlieferung von Geschlecht zu Geschlecht ist die Erinnerung an diese Geschichte nicht dem Vergessen anheimgefallen. Und wenn man schon wegen eines einzelnen Martyrers hier einen Ort, der über dessen Reliquien verfügt, oder da eine Stadt für bedeutend hält (und zwar nicht zu Unrecht, weil die Heiligen ihre kostbaren Seelen für den höchsten Gott dahingeben), wie hoch muss man da nicht jene geheiligte Stätte der Agauner verehren, wo nach den Berichten so viele Tausende Martyrer durch das Schwert für Christus dahingeschlachtet wurden? Nun wollen wir aber auf ihr höchst seliges Leiden selbst zu sprechen kommen.

2. Unter Maximian, der sich gleichberechtigt mit Diokletian in die Herrschaft über den römischen Staat teilte, wurden in verschiedenen Provinzen massenweise Martyrer dahingemetztelt oder umgebracht. Denn genauso wie dieser Maximian von Habgier, Wollust, Grausamkeit und anderen Lastern besessen tobte, rüstete er in seiner Ergebenheit gegenüber den fluchwürdigen Riten der Heiden und in seiner Ablehnung des Gottes im Himmel in frevelhafter Weise zur Auslöschung all dessen, was christlich hieß. Wagten es damals Menschen, öffentlich den wahren Gott zu verehren, wurden allenthalben Militärschwadronen ausgesandt und die Christen verschleppt, um sie mit oder ohne Prozess zu töten. Nicht anders, als hätte er barbarischen Heiden schrankenlose Bewegungsfreiheit gewährt, hatte Maximian seine Waffen geradewegs gegen die Religion erhoben.

3. Es gab nun zu derselben Zeit im Heer eine Legion aus Soldaten, die die »Thebäer« genannt wurden. Legion aber hieß damals, was sich aus 6.600 Mann in Waffen zusammensetzte. Diese waren zur Unterstützung Maximians aus östlichen Gegenden herbeigerufen worden, rechte Haudegen im Kriege und standhaft in ihrer Tapferkeit, doch noch standhafter in ihrem Glauben. Gegenüber dem Kaiser überboten sie sich in Tapferkeit, gegenüber Christus in Demut. Dem Gebot des Evangeliums getreu, gaben sie auch in ihrem Waffendienst Gott, was Gott gehört, und dem Kaiser, was des Kaisers war.

4. Und so wagen sie, als sie wie die übrigen Soldaten dazu abgestellt wurden, eine große Zahl von Christen mit Gewalt zu verhaften, als einzige, diesen grausamen Dienst abzulehnen und verweigerten derartigen Befehlen ihren Gehorsam. Maximian war nicht weit entfernt, denn er hielt sich, von seiner Anreise erschöpft, bei Octodurum auf. Als ihm dort Boten berichteten, dass diese Legion wider die königlichen Befehle aufsässigerweise in der Talenge von Agaune[1] verharrte, entbrannte er in jähem Zorn zu großer Wut.

5. Doch scheint es mir geraten, bevor ich erwähne, wie es weitergeht, in meinen Bericht die Lage dieses Ortes einzufügen. Agaune liegt ungefähr sechzig Meilen von der Stadt Genf entfernt, vierzehn Meilen vom Anfang des Genfer Sees, wo die Rhône in ihn einmündet. Der Ort selbst liegt nun zwischen den Kämmen der Alpen in einem Tal. Wer dort hinwill, für den gibt es nur einen schwierigen Zugang über einen schlechten und abschüssigen Weg. Denn die gefährliche Rhône lässt den Reisenden kaum einen gangbaren Streifen zu Füßen des Felsengebirges übrig. Wenn man die Talengen hinter sich gebracht und überwunden hat, öffnet sich plötzlich zwischen den steilen Berghängen eine gar nicht so kleine Ebene. Dort harrte die heilige Legion aus.

6. Nun, wie wir oben sagten, als Maximian die Antwort der Thebäer vernommen hatte, ließ er kochend vor jähem Zorn wegen Missachtung seiner kaiserlichen Befehle jeden zehnten Mann aus dieser Legion mit dem Schwert hinrichten, um die übrigen, die von seinen königlichen Befehlen eingeschüchtert würden, desto leichter gefügig machen zu können. Er wiederholte seine Befehle und ließ ausrufen, die Verbliebenen würden zur Verfolgung der Christen gezwungen werden. Als aber die wiederholte Aufforderung zu den Thebäern gelangte und diese erkannten, dass ihnen aufs neue abverlangt würde, schändliche Befehle zu vollstrecken, erhoben sich überall im Lager aufgeregte Stimmen, niemals würden sie in solch gottlose Dienste einwilligen, sie hätten die Ruchlosigkeit der Götzen stets abgelehnt, sie seien in die christlichen Mysterien eingeweiht und in der Verehrung des himmlischen Religion unterwiesen, sie verehrten allein den Gott der Ewigkeit. Es aufs Letzte kommen zu lassen, sei besser als dem christlichen Glauben zuwiderzuhandeln.

7. Als Maximian nun dies erfuhr, verfiel er, wilder als jedes wilde Tier, wieder auf seine ihm eigene Brutalität und gab den Befehl, noch einmal sollte jeder zehnte Mann von ihnen hingerichtet werden, die übrigen nichtsdestoweniger zu dem, was sie nicht wollten, gezwungen werden. Als nun dieser Befehl im Lager eingegangen war, ließ man sie antreten und jeder Zehnte, den das Los traf, wurde umgebracht. Die verbliebene Zahl der Soldaten ermunterte sich gegenseitig, bei diesem so herrlichen Werk standhaft zu bleiben.

8. Die größte Anregung zum Glauben ging dazumal aber von dem heiligen Mauritius aus. Der Überlieferung nach war er damals Vorfechter dieser Legion, der nebst Exuperius, einem Exerziermeister, wie man im Heer sagt, und nebst dem Militärsenator Candidus jeden einzelnen entflammte, ermunterte und ermahnte. Indem Mauritius ihnen das Vorbild ihrer gläubigen Mitstreiter und nunmehr schon Martyrer vor Augen stellte, überzeugte er alle, getreu ihrem Fahneneid auf Christus, getreu den göttlichen Geboten, wenn es nunmehr die Notwendigkeit mit sich bringen sollte, zu sterben, und mahnte sie, denjenigen ihrer Gefährten und Kameraden zu folgen, die ihnen schon in den Himmel vorangegangen waren. Es brannte nämlich schon in diesem Augenblick in den seligsten Männern eine ruhmreiche Begeisterung für das Martyrium.

9. Und so von ihren Vorgängern und Vorbildern beseelt, schickten sie dem Maximian, der noch vor Wut kochte, ein gleichermaßen ergebenes wie tapferes Schreiben, das folgendermaßen gelautet haben soll: »Als Soldaten gehören wir, Kaiser, Dir, sind aber auch Knechte, wie wir freimütig[2] gestehen, Gottes. Dir gegenüber sind wir zum Kriegsdienst verpflichtet, ihm gegenüber zur Unschuld. Von dir bekommen wir unseren Sold für unseren Einsatz, von jenem haben wir den Ursprung unseres Lebens genommen. Dir als Kaiser können wir keineswegs soweit folgen, dass wir dabei unseren Schöpfer Gott verleugneten, unseren Schöpfer, der – ob Du es willst oder nicht – auch Dein Schöpfer und Gott ist. Solange wir nicht zu so unheilvollen Dingen gezwungen werden, dass wir uns gegen ihn versündigen, werden wir Dir, wie bisher, so auch weiterhin gehorchen, ansonsten werden wir lieber ihm gehorchen als Dir. Wir bieten Dir unsere Hände gegen jeden beliebigen äußeren Feind an, doch dass sie vom Blute Unschuldiger triefen sollten, das erachten wir als Frevel. Mit dieser unserer Rechten verstehen wir es, gegen Frevler und Feinde zu kämpfen, nicht aber, anständige Mitbürger hinzuschlachten. Wir erinnern uns, dass wir eher zugunsten unserer Mitbürger als gegen sie zu den Waffen gegriffen haben. Wir haben stets für die Gerechtigkeit gekämpft, für den Anstand, für das Wohl der Unschuldigen. Dies galt uns bislang als Lohn für unsere Gefahren. So treu wir sind, so kämpfen wir auch. Wie würden wir Dir die Treue halten, wenn wir sie unserem Gott nicht halten? Zuerst haben wir Gott bedingungslosen Gehorsam geschworen, danach erst dem König. Den zweiten Eid brauchst Du uns nicht zu glauben, wenn wir den ersten verraten. Du befiehlst uns, Christen aufzuspüren, damit Du sie strafen kannst. Du musst von nun an keine anderen mehr aufspüren, denn Du hast uns hier, und wir bekennen: Wir glauben an Gott, den Vater und Schöpfer des Alls, und an Gott, seinen Sohn Jesus Christus. Wir haben gesehen, wie die Gefährten unserer Leiden und Gefahren mit dem Schwert geschlachtet wurden und sind selbst dabei mit ihrem Blut bespritzt worden, und dennoch haben wir den Tod unserer heiligsten Mitstreiter und die Abschlachtung unserer Brüder nicht beweint, nicht beklagt, sondern vielmehr gepriesen und mit Freude daran Anteil genommen, weil sie für würdig erachtet wurden, für Gott, ihren Herrn, zu leiden. Auch wir lassen uns jetzt nicht durch diese Not, dass es mit unserem Leben aus sein soll, zur Meuterei zwingen. Auch wir erheben jetzt nicht aus Verzweiflung gegen Dich, Kaiser, die Waffen, obwohl in Gefahren die Verzweiflung so überaus stark ist. Sieh her, wir haben Waffen, aber wir lassen sie stecken und wehren uns nicht, denn wir wollen ernstlich eher sterben als andere umbringen. Lieber entscheiden wir uns, unschuldig unterzugehen als schuldig zu leben. Wenn Du noch Schlimmeres gegen uns verfügst, noch Schlimmeres anordnest, noch Schlimmeres gegen uns richtest: Feuer, Folter, Stahl zu ertragen sind wir bereit. Christen sind wir, dazu bekennen wir uns – andere Christen verfolgen, das können wird nicht.«

10. Als Maximian dies vernahm und er erkannte, dass sie im Herzen unverrückt an ihrem Glauben an Christus festhielten, gab er die Hoffnung auf, dass sie von ihrer ruhmreichen Beständigkeit abfallen könnten, und erließ einen Generalbefehl, nach dem sie alle hingerichtet werden sollten und ordnete an, alle Bataillone sollten ringsum antreten und vor ihren Augen die Sache erledigt werden. Als diese befehlsgemäß zu der seligsten Legion gekommen waren, zückten sie ihre frevelhaften Schwerter gegen die Heiligen, die sich aus Liebe zum Leben nicht weigerten zu sterben. Und so wurden sie allenthalben mit Schwertern abgeschlachtet, sie gaben keinen Laut von sich und leisteten keinen Widerstand, sondern legten ihre Waffen nieder, hielten ihren Verfolgern ihren Nacken hin, ihre Kehle den Mördern; ungeschützt boten sie ihnen den Leib. Nicht einmal durch ihre bloße Zahl, nicht durch ihre Rüstungen ließen sie sich soweit hinreißen, dass sie versucht hätten, die Sache der Gerechtigkeit mit Waffengewalt durchzusetzen. Nur daran gedachten sie, jenen zu bekennen, der sich ohne Murren zur Schlachtbank führen ließ und der wie das Lamm sein Maul nicht öffnete. Auch sie ließen sich abschlachten wie des Herrn Lämmerherde von einfallenden Wölfen.

11. Es überdeckte sich die Erde an jenem Ort mit den Leichen der Frommen, die tot dahinsanken, es flossen Ströme kostbaren Blutes. Welches Wüten außerhalb eines Krieges hat jemals einen solch großen Haufen menschlicher Leichen aufgetürmt? Welche Rohheit hat jemals mit voller Absicht sovielen Menschen an einem Tag den Tod gebracht, als wären sie Verbrecher? Dass die Gerechten nicht gestraft würden, hat ihre große Zahl nicht erreichen können, obwohl es normalerweise straflos bleibt, wenn es nur viele sind, die sich etwas zuschulden kommen lassen. Durch diese Grausamkeit des fürchterlichen Tyrannen ist also jenes Volk von Heiligen dahingerafft worden, das die gegenwärtige Welt verachtete in Hoffnung auf das Zukünftige. So wurde zu Tode gebracht jene wahrhaftige Legion von Engeln, von der wir glauben, dass sie schon jetzt in den steten Lobgesang jener Engelslegionen im Himmel einstimmt und mit ihnen den Herrn Gott Zebaoth preist.

12. Der Martyrer Victor gehörte aber nicht zu derselben Legion und war auch kein aktiver Soldat mehr, sondern ein inzwischen aus dem Heer ausgemusterter Veteran. Als dieser unterwegs ahnungslos auf Soldaten traf, die überall voll Freude von dem erbeuteten Gut der Martyrer einen großen Schmaus ausrichteten, und, von diesen zur Teilnahme eingeladen, erfuhr, was sie ihm jubelnd vom Hergang der Sache erzählten, erklärte er feierlich, er wolle mit ihnen und mit ihrem Schmaus nichts zu tun haben, und suchte sich ihnen entziehen. Doch als sie ihn fragten, ob er nicht etwa auch ein Christ sei, gab er ihnen zur Antwort, er sei es und werde es auch bleiben. Da fielen sie sofort über ihn her um brachten ihn um. So wurde er an demselben Orte mit den übrigen Martyrern wie im Tod, so auch in der Ehre vereint.

13. Nur die folgenden Namen sind uns aus jener Zahl der Martyrer bekannt geworden, und zwar die Namen der seligsten Mauritius, Exuperius, Candidus und Victor. Die anderen jedoch sind zwar uns unbekannt, ihre Namen stehen jedoch im Buche des Lebens geschrieben.

14. Zu derselben Legion sollen auch jene Martyrer Ursus und Victor gehört haben, die, wie die Sage behauptet, zu Solothurn gelitten haben. Solothurn aber ist ein Kastell am Flusse Aare nicht weit vom Rhein.

15. Es lohnt sich auch anzuzeigen, welches Ende der grausame Tyrann Maximian genommen hat. Weil er einen Hinterhalt gelegt hatte, um den Tod seines Schwiegersohns Konstantin, der damals an der Macht war, ins Werk zu setzen, wurde er, als seine Heimtücke aufflog, bei Marseille ergriffen und kurz darauf erwürgt und dadurch auf abscheulichste Weise bestraft. So beschloss er sein frevelhaftes Leben mit einem verdienten Tod.

16. Doch die Leiber der seligsten Martyrer von Agaune wurden, wie man berichtet, lange Jahren nach ihrem Leiden dem Theodor offenbart, der Bischof desselben Ortes war. Was sich in der zu ihren Ehren errichteten Basilika, die sich mit einer Seite an eine nunmehr öde Felswand anschmiegt, damals für ein Wunder erzeigte, glaubte ich keinesfalls verschweigen zu dürfen.

17. Es trug sich zu, dass unter den Arbeitern, die man offenbar eingeladen hatte, zur Errichtung (der Basilika) zusammenzukommen, ein gewisser Schmied war, von dem bekannt ist, dass er bis dahin noch Heide war. Als dieser am Tag des Herrn, als die übrigen fortgegangen waren, um den Feierlichkeiten jenes Tages entgegenzusehen, allein in seiner Werkstatt verblieben war, taten sich ihm plötzlich in jener Abgeschiedenheit durch ein helles Licht die Heiligen kund. Der Schmied wurde gepackt und es ging ihm arg an den Kragen, dabei sah er mit seinen Augen die Schar der Martyrer. Er wurde sogar verprügelt und schwer gescholten, weil er als einziger am Tag des Herrn in der Kirche gefehlt, bzw. weil er als Heide gewagt habe, sich jenes heiligen Werkes des Baues (dieser Basilika) zu unterwinden. Es stellte sich heraus, dass die Heiligen dies aus dermaßen großen Gnaden getan hatten, damit jener Schmied, der vor Angst zu Boden gesunken war, für sich um einen rettenden Namen bat und sich sofort zum Christen machen ließ.

18. Bei den Wundern der Heiligen will ich auch dieses folgende nicht übergehen, das gleichermaßen berühmt und allseits bekannt ist. Als die Mutter des Quintus, eines herausragenden, geachteten Mannes, so vom Schlag getroffen war, dass sie keine Gewalt mehr über ihre Füße hatte, verlangte sie von ihrem Mann, über eine weite Strecke Wegs nach Agaune gebracht zu werden. Als sie dort angekommen war, wurde sie von Dienern auf Händen in die Basilika der Heiligen hineingetragen, kehrte aber auf ihren eigenen Füßen wieder in ihre Herberge zurück. Seit sie nun an der Gesundheit ihrer so gut wie abgestorbenen Glieder wiederhergestellt war, erzählte sie das an ihr geschehene Wunder überall herum.

19. Lediglich diese beiden erstaunlichen Dinge glaubte ich, dem Leiden der Heiligen einfügen zu sollen. Aber es gibt ihrer wahrlich genug, die die Kraft des Herrn tagein, tagaus bei der Reinigung von Dämonen oder bei sonstigen Heilungen durch seine Heiligen wirkt.

Hier endet das Leiden, dessen Gedächtnis am 22. September gehalten wird.

***

Eucherius an den heiligen und in Christus seligsten Herrn, Bischof Salvius.

Ich habe Deiner Seligkeit das Leiden unserer Martyrer, wie es hier geschrieben steht, zugesandt. Mich beschlich nämlich die Furcht, bei fehlender Beachtung könnte die Zeit die Geschichte ihres so ruhmreichen Martyriums aus dem Gedächtnis der Menschen löschen. Und so habe ich von geeigneten Gewährsleuten die Wahrheit der Sache selbst erfragt, und zwar von solchen, die versicherten, die oben erzählte Abfolge ihres Leidens vom Genfer Bischof, dem heiligen Isaac, erfahren zu haben, der dies seinerseits wiederum, glaube ich, vom seligsten Bischof Theodor, einem Mann der früheren Zeit, überliefert bekommen hat. Und während andere aus verschiedenen Orten und Provinzen zu Ehren und zum liturgischen Gedächtnis der Heiligen Geschenke von Gold, Silber und anderen Dingen dargebracht haben, bringen wir dir diese schriftlichen Aufzeichnungen dar, sofern Du sie, Deine Zustimmung vorausgesetzt, für wert erachtest, und bitten dafür um das Eintreten meiner beständigen Schutzherren für alle begangenen Sünden und auch künftig um ihren wirksamen Beistand. Gedenket auch Ihr unser, die Ihr vor dem Antlitz des Herrn stets den liturgischen Gedenkfeiern der Heiligen obliegt, heiliger Herr und zurecht seligster Bruder!


[1] Lateinisch Acaunus, heute Saint-Maurice d’Agaune in der Schweiz.

[2] Lateinisches Wortspiel: servi – libere.


Quelle: Eucherius, “Passio Acaunensium Martyrum,” Monumenta Germaniae Historica: Scriptorum Rerum Merovingicarum, Bd. III (Hannover: Impensis Bibliopolii Hahniani, 1896), 32-40, übersetzt von Oliver Humberg.


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