Erstes halbjährliches Treffen von Negern in Deutschland (1895)

Im August 1895 berichtete eine Berliner Lokalzeitung über „das erste Sommerfest der in Deutschland weilenden Neger”. Einhundertachtzig Männer und dreißig Frauen versammelten sich in Berlin und hörten Reden auf Englisch von Afroamerikanern, in denen sie ermahnt wurden, den Kampf fortzusetzen, um den Weißen zu zeigen, dass sie Zugang zu den Segen der Zivilisation erhalten sollten, um Deutschland als ein Land, das ihnen die meiste Wärme sowohl in Amerika als auch in Europa gezeigt hatte, anzunehmen. Sie wurden dann zu einer Aufführung von schwarzen Minstreln eingeladen, darunter dem Cakewalk-Tanz, der in Europa noch nicht zu so einem Wahn geworden war, und einem Ausflug zu den lokalen Sehenswürdigkeiten. Unter den Rednern waren ein „Mr. Woods”, beschrieben als „Leiter einer Elektrofabrik in Cincinnati” und wahrscheinlich der Erfinder Granville Woods, und ein „Mr. Mc. Cabe”, beschrieben als der „Gründer einer Negerkolonie in Alabama” und wahrscheinlich der politische Aktivist Edward P. McCabe. Die Organisatoren wollten das Treffen alle zwei Jahre wiederholen, aber wir haben keine weiteren Informationen, um zu sagen, ob sie dies getan haben. Das Stück zeigt Bemühungen, ein Gemeinschaftsgefühl zwischen in Deutschland lebenden Schwarzen aufzubauen und sie mit einem transatlantischen Kampf gegen Rassismus zu verbinden. 

Jeff Bowersox and Robbie Aitken (translated by Lilian Gergely)


English

Das erste Sommerfest der in Deutschland weilenden Neger fand in der Montagnacht in der waldreichen Umgebung des Müggelschlößchens statt; es war von 180 Angehörigen des männlichen und 50 Angehörigen des weiblichen Geschlechts besucht. Mr. Woods, Leiter elektrischer Farbrikanlagen in Cincinnati, führte in längerer Rede in englischer Sprache aus: “In fremdem Lande haben wir Menschen gefunden, die uns wohlwollen. Es ist unsere Pflicht, den Europäern zu zeigen, daß wir gern den Segnungen der Kultur zugänglich sind. Die nach Europa importierten Neger, die sich in den Großstädten niedergelassen haben und sich bemühen, den Weißen nicht geistig inferior zu sein, empfanden schon seit Langem das Bedürfnis, sich in ihrer zweiten Heimath begrüßen zu können.” Redner schloß, nachdem er noch besonders Abraham Lincolns, als des Befreiers der schwarzen Rasse gedacht, mit einem Hoch auf Seine Majestät den Kaiser, der bewiesen, daß er auch auf das Wohlergehen seiner farbigen Unterthanen bedacht sei. Unter den Klängen einer eigenartigen Musik begann nun ein Negertanz, der cake-walk (Kuchengange). Die schwarzen Herren traten hierzu im Ballanzüge an, ihren dunkelhäutigen Schönen fortwährend Verbeugungen machend. Wer bei diesem Tanze die elegantesten Manieren bewies, erhielt einen Preis in Gestalt eines noch heimatlicher Weise bereiteten Kuchens. Sodann folgte ein Frage- und Antwortspiel. Die Leitungen der Minstrels fanden ungetheilten Beifall. Mr. Mc. Cabe, der Gründer einer Negerkolonie in Alabama, leitete sodann mit dem Bemerken, daß auch unter den Negern die “Gigerl” nicht fehlen, eine Posse ein, in der das manirirte Benehmen der modernen Modenarren gegeißelt wurde. Mr. Gavin betonte in längerer Rede, daß es besonders die Deutschen seien, in denen die Neger warme Fürsprecher und Beschützer fänden. Unvergessen werde es bleiben, daß die Deutschen Nord-Amerikas den schwarzen Mitmenschen gestattet, an ihren Festen theilzunehmen, daher gelte sein hoch dem Deutschthum. Erst in später Stunde endete das eigenartige Fest, das alle zwei Jahre wiederholt werden soll. Vor ihrer Abreise beabsichtigten die Neger noch das Mausoleum in Charlottenburg zu besuchen: der Grabstätte Kaiser Friedrichs war bereits am Tage zuvor ein Besuch abgestattet worden.


Quelle: Teltower Kreisblatt (01 August 1895)


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