A conversation with J. C. Bruce (1896) [German]

Nayo Bruce, also known as John Calvert Bruce, was a Togolese traditional leader and trader from Aného who participated in the 1896 First German Colonial Exhibition in Berlin. Born around 1859, he was educated in German and English missionary schools before eventually entering into the service of Ernst Henrici, an anti-Semitic agitator turned colonial adventurer. Together with three further Togolese men he first came to Germany in 1888, accompanying Henrici as part of the latter’s attempts to secure investment for a planned plantation project in Togo. Back in Togo in 1889 Bruce began working for the German colonial administration. When news of plans for a colonial exhibition to be staged in Germany, celebrating the German colonial project, reached Togo Bruce seized the opportunity to play a key role in organising Togolese involvement. This eventually resulted in a group of 26 Togolese men, women and a child, led by Bruce, travelling to Germany in 1896 to participate in the first German Colonial Exhibition, staged in Treptow Park, Berlin. Amongst the participants were also two of Bruce’s wives, Ohui Creppy and Dassi, as well as his 3-year old son Kwassi and two of his nephews, the brothers Samuel and Joseph Garber. Over a period of around 6 months the Togolese participants, like men and women from other parts of the overseas German Empire, were put on display to huge crowds and expected to demonstrate their craftsmanship as well as to perform ‘traditional’ customs, such as dances, songs, and canoe racing.

The newspaper article below provides a unique insight into the experiences of a performer in a human zoo, albeit one mediated through the voice of a white reporter. As well as restoring a degree of agency to Bruce, it speaks to his motivations for participating in the colonial exhibition, demonstrates his diplomatic skills and it challenges both contemporary and historical notions about some of the men and women who were put on display. An astute businessman, Bruce was quick to recognise the financial opportunities such shows potentially offered. He returned to Germany in 1898 with over thirty followers including members of his family and established his own human zoo. Over a period of almost twenty years Bruce toured large parts of Europe with various incarnations of his troupe before his death in March 1919.

Robbie Aitken


 

English

Eine Unterhaltung mit einem Togo-Häuptling

Als ich zum ersten Male die Berliner Colionial-Ausstellung besuchte, es war kurz vor der eigentlichen Eröffnung, da fiel mir unter dem vielen Neuen, Anziehenden und Fremdartigen doch eine Figur am meisten auf. Der Häuptling der Togo-Neger war es, und ich konnte den Eindruck, den der Mann auf ich gemacht hatte, nicht wieder loswerden. Alles an dieser eigentümlichen Persönlichkeit stimmte so vortrefflich zusammen. Wie der große, herkulisch gebaute Mann in dem bunten Rocke, den rot und gelb gestreiften Mantel wie eine Toga über die Schulter geschlagen, das pechschwarze und mit einer blauen Mütze geschmückte Wollhaupt mit dem scharfen, weit eher arabischen als africanischen Profil hocherhoben, die vielen fremden Menschen an- oder vielmehr übersah, wie er die Fragen der ihm bekannten Herren mit der Würde eines Königs, aber auch zugleich mit der Freundlichkeit und guten Manier eines Gentleman beantwortete, während der Ernst seiner Züge öfters durch ein merkwürdig angenehmes Lächeln gemildert wurde, das alles schuf ein Bild voll eigenartiger Harmonie. Und so oft ich auch später die Colonial-Ausstellung besuchte, immer erneuerte sich der erste Eindruck. Sei es nun, daß “Pruß” – so hatte ich seinen Namen verstanden – in der Haltung eines Herrschers mit seinen Landsleuten sprach, sei es, daß er mit einem Kinde spielte oder weiße Freunde begrüßte, immer wieder setzte sich mir dasselbe Bild des Mannes zusammen: gut, klug, energisch, besonnen. Damit stimmte auch die äußere, durchaus nicht unvorteilhafte Erscheinung überein; etwas Löwenhaftes hatte der Mann sicherlich, etwas Urkräftiges, und welch ein Modell für einen othello würde er abgeben! Ich faßte endlich den Entschluß, “Pruß” durch eine Unterredung näher kennen zu lernen; ich war doch neugierig, zu erfahren, wie die Welt sich in diesem Kopfe male, dessen Besitzer mir in jeder Beziehung weit über der Stufe seiner Landsleute zu stehen schien. Ehe ich aber meine Absicht ausführte, zog ich hier und da Erkundigungen ein. Die Stammesgenossen des Häuptlings teilten mir mit, er sei sehr reich, ein sehr guter Mann, habe viel für das Land gethan und sei bei den Weißen beliebt. Von anderer Seite erfuhr ich, er sei seit kurzer Zeit getauft, ein glaubiger Christ, den nur die traurige Thatsache, daß er zwei Freuen besitze, in einen für ihn sehr schmerzlichen Widerstreit der Pflichten gebracht habe. Auf mein Ansuchen, mir eine kurze Unterredung zu gewähren, ging “Pruß” bereitwillig ein. Zuerst erledigte ich einige persönliche Fragen. Er ist ein Togo-Neger, wohnt in Klein-Bovo und ist der “Chief” der Togo-Leute. Da er nach seiner eigenen Erklärung besser englisch spricht als deutsch, wurde die Unterhaltung auf englisch geführt, welche Sprache der Häuptling fast vollständig beherrscht. Ich habe es mir in dem folgenden Bericht zur ganz besonderen Aufgabe gemacht, die Aussprüche des Häuptlings wörtlich wiederzugeben, und habe auf allen stilistischen Schmuck verzichtet.

Natürlicherweise begann ich mit dem üblichen: “Wie gefällt es Ihnen hier?”

“O, sehr gut, ich bin zufrieden und meine Leute auch.”

“Was bewog Sie, hierher zu kommen?”

“Ich hatte ohnedies die Absicht nach Europa zu reisen, da erzählte mir ein weißer Freund, der bei der Regierung angestellt ist, daß in kurzem eine ganze Truppe von uns nach der Ausstellung in Berlin solle; man bot mir an, mich anzuschließen, und so komme ich hierher.”

“Sie wären auch ohnedies nach Europa gekommen – warum?”

“Meine Tochter ist schon seit sieben Jahren hier in einer Schule, und ich wollte sie besuchen. Sie soll alles lernen, was die weißen Mädchen lernen, und ebenso civilisiert werden wie diese.”

“Wie war es mit der Seereise; fürchteten Ihre Leute sich nicht?”

“O, wir leben ja an der See, viele Schiffe kommen zu uns, meine Leute sind selbst ganz gute Schiffer, und so hatte niemand Furcht vor dem Wasser.”

“Haben die Togo-Leute nicht heftiges Heimweh?”

“Oh nein; fast niemand. Viele möchten gerne hier bleiben und das Handwerk, das sie zu Hause treiben, hier noch besser lernen. Es sind unter ihnen Schmiede, Goldarbeiter, Schneider und Tischler.”

“Behandelt man Sie gut?”

“Sehr gut; man sorgt in jeder Weise gut für uns.”

“Welchen Eindruck machte Ihnen das Land, die Regierung u.s.w.?”

“Einen sehr guten Eindruck. was mir besonders hier gefällt, das ist die Gerechtigkeit, die Gesetze, die keinen Unterschied kennen. Das haben wir aber schon in Africa gewußt, daß die Gesetzte der Deutschen gerecht sind, ebenso wie die der Engländer. Bei den Franzosen ist das anders. Wenn da zwei Leute in Streit geraten, erhält gewöhnlich derjenige Recht, der zuerst zum Richter gekommen ist, denn der französische Richter nimmt sich selten die Mühe, einen Fall genau zu untersuchen, und ist der später kommende gar ein Schwarzer, der sein Recht gegen einen Weißen sucht, so hat er seine Sacht von vornherein verloren. Die Deutschen aber gehen den Dingen auf den Grund, und haben sie das Richtige erkannt, dann gilt ihnen weiß und schwarz gleich. Dies ist aber Grund, weshalb wir gern deutsche Unterthanen sind. Mit den Franzosen mögen wir nichts zu thun haben; diese sind auch sonst ungerecht gegen uns, und es kommt ihnen gar nicht darauf an, einen Schwarzen wegen eines geringen Vergehens niederzuknallen.”

“Wie weit ist denn Dahomey von Ihrer Heimat?”

“Etwa zwei Tagesreisen. Die Deutschen hätten Dahomey auch haben können, denn der König mochte die Deutschen gern, so sehr er die Franzosen haßt, aber es lag ihnen wohl nichts an dem Lande.”

“Wie ist es mit den Togoleuten, die Soldaten geworden sind; sind sie nicht unzufrieden?”

“Durchaus nicht. Viele wollen gar nicht wieder weg. Wir haben jetzt 200 schwarze Soldaten und die Musiker sind auch schwarz.”

“Sie haben also keinerlei Klage über die Aufstände in Togo?”

“O doch, eine Klage hätte ich wohl. Sehen Sie, unsere jungen Leute möchten gern [recht] lernen, und das wollen die Deutschen nicht. Sie denken, Lesen und Schreiben ist genug für die Neger, aber es ist nicht genug. Die Engländer lassen ihre schwarzen Unterthanen lernen und werden was sie wollen, aber wir werden darin gar nicht unterstützt. Den jungen Leuten, die ich hierher mitgebracht habe, genügt es ja, ein Handwerk zu lernen, aber vielen andern nicht. Viele möchten wirklich studieren: die Rechte oder Medicin. Wir wollen schwarze Advocaten und Aerzte haben.”

“Das sind aber sehr schwierige und langwierige Studien.”

“Das thut nichts; mein Neffe hat in England studiert, er ist B.A. (Bachelor of Arts) und wird als Advocat nach Togoland zurückkommen.”

“Ich möchte nun einige Fragen stellen, deren Beantwortung mich besonders interessiert. Sie haben in Africa gewiß Reisen in das Innere des Landes gemacht und auch andere schwarze Stämme kennen gelernt.”

“O ja.”

“Ist es denn wirklich notwendig den Neger zu schlagen, zu mißhandeln, wie dies so oft von den Weißen gschieht?”

(Nach langer Pause, offenbar mit dem Verlangen kämpfend, sich auszusprechen.) “Nein, über Africa kann und will ich nicht sprechen. Sehen Sie (sehr ernst), ich bin getauft – seitdem habe ich alles, was früher geschehen ist, hinter mich geworfen; ich will das Unrecht, das auch mir widerfahren ist vergessen. Aber eines will ich doch sagen: Von den weißen Jägern und Reisenden, die in den Busch gewandert sind, ist an den Negern viel Schreckliches verübt worden, Dinge, die ich hier nicht wiedererzählen kann. Wir können sie nicht dafür bestrafen, aber Gott wird sie richten!”

“Wie ist die Stimmung in Togoland? Ist dort alles ruhig und zufrieden?”

“Hm – wenn die Regierung Togoland vollständig ruhig und zufrieden sehen will, dann soll sie uns den …….. als Gouverneur hinschicken. Der weiß die Schwarzen zu behandeln und ist ein gerechter und guter Mann.”

“Nun sagen Sie mir auch noch einiges über Sie selbst; wer und was sind Sie in Africa?”

“Ich? Ich besitze viel Land. Mein Vater war Händler und Häuptling, oder, wie man bei den Weißen sagt, König von Togoland, und als er starb, folgte ich ihm auf dem Throne. Ich habe etwa 2000 Menschen unter meiner Herrschaft, und diese Leute will ich civilisieren, soweit es in meiner Macht steht. Deshalb habe ich meine Tochter hierher in eine Schule geschickt; ich will hier darum bitten, daß man sie Schullehrerin werden läßt, dann soll sie in Togoland die Kinder unterrichten und die Civilisation verbreiten. Auch meine anderen Kinder sollen eine vollständig europäische Erziehung erhalten und nicht so halbcivilisirt bleiben wie ich es bin.”

“Halten Sie denn die Civilisation für etwas so Großes?”

(Sehr begeistert.) “Ja, das thue ich. Die Civilisation ist etwas sehr Großes, und wer sie unter uns zu verbreiten sucht, wie es z.B. die Missionsgesellschaften thun, dem schulden wir den größten Dank.”

“Ich denke, der Neger ist ohne Civilisation auch glücklich.”

“Nicht alle, glauben Sie mir, nicht alle. Viele wollen klüger und besser werden, und ich will alles thun, um meinen Landsleuten vorwärts zu helfen. Aber bitte, ehe Sie gehen, geben Sie mir Ihre Adresse; hier ist – meine Karte.”

“J.C. Bruce – wie kommen Sie zu diesem Namen?”

“Das ist ein schottischer Name. Einer meiner Ahnen war ein Schotte, ein Nachkomme des schottischen König Robert Bruce. Er wanderte in Africa ein, und von ihm stamme ich ab; aber da er und seine Nachkommen immer schwarze Frauen nahmen, bin ich auch ein Schwarzer.”

“Noch eins. Ist es Ihnen nicht schrecklich, die oft so einfältigen Bemerkungen der Menschen zu hören, die uns umdrängen? Viele glauben geradezu, ein Schwarzer sei gar kein Mensch. Aergert Sie das nicht?”

“O nein, ich lasse sie reden. Ist doch Jesus Christus von unverständigen Menschen verspottet worden, und er war unser Heiland, wie sollte ich, ein sündiger Mensch, mich über solche Kleinigkeiten erzürnen. Auf baldiges Wiedersehen!”

Ich schüttelte dem merkwürdigen Menschen herzlich die Hand; diese Stunde hatte mir keine Enttäuschung bereitet.


Source: ‘Eine Unterhaltung mit einem Togo-Häuptling,’ Kölnische Zeitung (11 October 1896).


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