Cameroon in Berlin and German letters from Cameroon (1897) [German]

Bernhard Epassi was a friendly and outgoing fifteen-year-old when he arrived in Germany in 1896. He came from Kribi on the coast of Cameroon, a territory that had been a German colony for just over a decade. He was one of over 100 performers, mostly from the German colonies, who were recruited for a “people show” (Völkerschau) included in the “First German Colonial Exhibition” in Treptow Park. After the exhibition ended, Epassi was one of a small number of men who decided to stay behind to take part in an apprenticeship program. Organizers hoped to train apprentices in skills they could take back with them to their homelands, but many of the students were just as interested in learning more about Germany. A few of them even decided to settle in Germany permanently, and Epassi might have done so as well were it not for his conflict with an authoritarian and dismissive mentor, Bruno Antelmann. Epassi’s distaste for Antelmann’s strict tutelage and the degrading work he was required to do ultimately led him to run away and try to support himself. His relationships with workers and, especially with white German girls, raised fears among sponsors and colonial authorities that he might challenge racial and class hierarchies in Germany and in Cameroon, so they deported him in 1901. His uncertain legal status as a colonial subject in the metropole made him vulnerable and meant that he could not challenge the decision.

In contrast to the critical picture we get from these authorities, the interview excerpted below gives a sense of Epassi’s personality, his hopes, and some of the challenges of being a black colonial subject in Germany. It is a rare source that gives us something close to direct insight into the experiences of colonial migrants in this era, not the least of which was their continuing links to relatives and friends in the land of their origin. It also shows us how a supporter like the author could portray Epassi’s individuality in a sympathetic way even while reinforcing the public’s fascination with his racial otherness.

Jeff Bowersox


English

 

Kamerun in Berlin und deutsche Briefe von Kamerun

Auf der Berliner Gewerbeausstellung 1896 zog besonders die deutschen Kolonialausstellung die Aufmerksamkeit der Besucher an. Außer ethnographischen Gegenständen waren dort auch Eingeborene aus unseren Schutzgebieten, aus Neu-Guinea, Deutsche-Ost- und Westaftrika vertreten.

Nachdem die Ausstellung geschlossen war, sprachen 20 Mitglieder dieser schwarzen Gesellschaft den Wunsch aus, hier in Berlin bleiben und irgend ein Handwerk, oder einen anderen Beruf erlernen zu dürfen, um denselben dann nach beendeter Lehrzeit in ihrem Vaterlande ausüben zu können.

In “Berliner Lokalanzeiger,” einer viel gelesenen Zeitung, erschienen damals die drollig klingenden Briefe in deutscher Sprache der lernbegierigen schwarzen Jünglinge, die sich auf diese Weise einem Lehrherrn suchten und auch fanden. Ungefähr 15 von ihnen lernten ein Handwerk, je nach Geschmack und Wahl: Schuhmacher, Schneider, Schlosser, Bersteinarbeiter; einer wurde Photograph. Fünf, die sich dem Kaufmannsstande widmen wollten, sind in Herrn Bruno Antelmanns Geschäft angestellt; letzterer leitete auf der Kolonialausstellung das hochinteresante Kolonialhaus, das seitdem in Berlin fortbesteht. Ein Goldschmied ging hier noch in die Lehre und kehrte dann heim, um so doppelt ausgebildet drüben zu zeigen, was er kann.

Einen der Schneiderlehrlinge, Josef Garber (diesen englischen Namen erhielt er bei der Taufe), kenne ich persönlich; er ist ein Kameruner, ein freundlicher, bescheidenen lebhafter und wie mir scheint, begabter junger Mensch. Eine Weste kann er schon machen, wie er mir voller Stolz erzählte. Er spricht recht gut deutsch, und noch besser englisch.

Mein Kameruner Schüler Epassie ist 16 Jahre alt. Er ist mittelgroß und sehr stark und kräftig gebaut, hat dabei aber leichte und gefällige Bewegungen. Die ganz kurzen, festgekrausten Haare von rußschwarzer Farbe umgeben den Kopf wie eine engle Filzkappe. Die großen braunen Augen sind schön geschnitten und haben einen ungemein freundlichen und gutherzigen Ausdruck, was ihm die Zuneigung aller Hausbewohner, die ihm häufig begegnen, gewonnen hat, besonders da er sehr wohl erzogen und von einnehmender Höflichkeit und Freundlichkeit ist. Das – ich nenne es wohl am besten – Kindliche in seinem Wesen läßt ihn jugendlicher erscheinen, als er in Wirklichkeit ist. Er hat prachtvolle Zähne, regelmäßig und glänzend, von schöner gedämpfter weißer Farbe; natürlich können sie nicht sehr klein sein, denn sie haben einen Riesenmund auszufüllen. Ja, Epassis Mund und Nase waren zuerst mein Entsezten; sie nehmen einen ungeheuren Platz in seinem Gesichte ein, nur mit dem Unterschiede, daß der Mund durch die großen dicken Lippen ziemlich vorstehend ist, während die Nase wie durch einen Keulenschlaf breit gedrückt zu sein scheint. Bald vergisst man aber, auf die beiden zu achten, weil ihr Besitzer immer artig, bescheiden und dankbar für die kleinste Freundlichkeit ist. Er bittet stets offen ohne Unterwürfigkeit und spricht seinen Dank in derselben Weise aus. Es ist mir äußerst anziehend, ihn zu beobachten, und ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass unsere heutige Jugend der civilisierten Welt aller Stände, wenigstens zum großen Teil, viel von ihm lernen könnte. Seine Hände sind klein und selbst auf der Oberfläche weniger schwarz gefärbt, zum Nagel hin werden die Finger fast ganz weiß. Die Fingernägel sind niedrig, auffalend breit und ganz platt, sehr unschön.

Epassie ist von sehr großem Wissensdrang und Ehrgeiz beseelt und er wird immer ganz betrübt und traurig, wenn ich ihm sage, dass die Stunde beendet ist. Zuerst ließ ich ihn nur lesen und schreiben. Er hat eine hübsche, klare Handschrift; mit dem Lesen geht es auch ganz gut, nur die Aussprache des sch, fürchte ich, wird von unüberwindlicher Schwierigkeit für ihn bleiben; Mangel an Ausdauer, immer wieder zu versuchen, es recht zu machen ist nicht schuld daran – ich glaube, ich könnte ihn hundertmal dasselbe sagen lassen, so würde er doch nicht müde werden, noch die Geduld verlieren, es mir immer wieder nachzusprechen – aber der Mund, der Mund! er ist zu mächtig, um ihn zu spitzen.

Jetzt habe ich das Rechnen dazu genommen. Aufwärts bis 10 kann Epassie zählen. Mit Mühe aber zählt er zu gegebenen Gegenständen 1 hinzu. Ich meine in dieser Art: 1. + 1. = 2…, 2.. + 1. = 3… u.s.w. Jetzt soll er lernen von 10 abwärts zu zählen, das schein er aber sehr komisch zu finden, denn es versetzt ihn jedesmal in große Heiterkeit.

Vielleicht irre ich mich noch, aber mir scheint, daß er eine sehr, sehr schwache Erinnerung hat von allem, was er in seiner Heimat wußte, und doch ist er kaum mehr als ein Jahr hier. Dann aber wieder stellt er bei allem Vergleiche an zwischen Afrika und Deutschland, und dann denke ich, mit besserer Beherrschung der deutschen Sprache wird er auch mehr aus seinem früheren Leben erzählen können. Hier muß ich einschalten, daß ich ihn erst seit kurzer Zeit unterrichte, und daß ich hoffe, ihn verhältnismäßig ziemlich weit zu bringen.

An einem sehr heißen Tage perlten ihm immerwährend große Schweißtropfen vom Gesicht, da sagte er: “Heute stark heiß; in Afrika auch stark heiß. In Deutschland und Afrika gleich stark heiß; aber in Deutschland Wind, in Afrika nichts Wind. Ist gut Wind in Deutschland.” Gewöhnlich spricht und erzählt er sehr ruhig, wenn er aber etwas recht begreiflich machen will, wie z.B. “nichts Wind”, dann macht er eine entsprechende Hand- oder Armbewegung.

Auf der Straße geht er sehr ruhig, es ist ihm offenbar peinlich, durch sein Aeußeres aufzufallen. Ich bringe ihn manchmal bis an die Pferdebahnstation, oder zeige ihm die Straße, die er zu gehen hat, wenn er nicht wieder nach Hause zurückkehrt, den Weg kennt er sehr gut. Einmal riefen ihm die Droschenkutscher und Arbeiter nach: “Ach, deer hat verjessen sich zu waschen! – Deer hat keen Jeld sich Seefe zu koofen!” Da ward er ärgerlich und drehte sich um, und um Feindseligkeiten zu verhindern, sagte ich: “Komm, Epassie; wenn du auf der Straße gehst, mußt du gar nicht hinhören, was die Leute sagen; sie wollen dir nichts Böses thun.”

“Ja”, sagte er erregt, “sie haben aber soviel Branntwein getrunken und jetzt sind sie besoffen.”

“Nein, nein! sie machen nur Spaß. Laß sie. Berliner machen immer Spaß.”

“Ah, in Afrika macht man nicht; ist gleich Polizei da!” und dabei drohte er gewaltig mit dem Finger.

Ich wollte ihm das Wort “Geschichte” erklären, es glang mir nicht. Da erzählte ich ihm selbsterfundene kleine Begebenheiten, wie sie mir eben in den Sinn kamen; ich mußte wohl ganz seinen Geschmack getroffen haben, denn seine Augen leuchteten und er schien die Worte von meinem Munde lesen zu wollen, ehe ich sie noch ausgesprochen hatte. Zum Schluß sagte ich: “Das war Geschichte; verstehst du jetzt Geschichte?”

“Ja, ja, Geschichte! Ist deutsche Geschichte?”

“Ja, ich habe dir deutsche Geschichte erzählt; jetzt erzähle du mir Afrikageschichte.”

Mit nachdenklichem Gesichte sagte er: “Ich weiß nicht Afrikageschichte.”

“Denke nur nach, Epassie; wenn in Afrika Knaben zusammen sind, was sprechen sie? Sie erzählen sich doch etwas?”

“Ja, ich weiß! Afrikaknaben erzählen. Ich will dir Afrikageschichte erzählen.

Ich habe Freund. Ist in Berlin. Ist mein Landsmann. Ist mein Landsmann, weil auch ich Kribi Banga Kamerun. Ist Kamerun, Kamerun, Kamerun! (Und dabei lachte er über’s ganze Gesicht.) Wohnt Markgrafenstraße Nummer 58. (Die Nummer spielt bei ihm eine große Rolle.) Habe gesagt zu meinem Freund: ‘Bin jetzt immer bei Schule.’ – Hat mein Freund gesagt: ‘Bist du jetzt immer bei Schule und lernst du viel?’ – Habe ich gesagt: ‘Bin ich jetzt immer bei Fräulein, und hat Fräulein gesagt, muß ich sehr fleißig sein, lerne ich alles wie Deutscher, und Fräulein-“, hier wollte er weiter erzählen, machte aber plötzlich ein Gesicht, als müßte er das Folgende lieber für sich behalten, er mußte es aber wohl sehr schön finden, denn sein ganzes Gesicht strahtle vor Vergnügen. Dann verfiel er in einem Lachanfall, von dem er sich gar nicht wieder erholen konnte.

Ich blieb ganz ruhig, bis er wieder anfing:

“Ich habe Freund alles erzählt” – hier erfolte ein zweiter Lachanfall und dann schloß er:

“Freund hat gesagt: Gefällt mir Fräulein Lehrerin, mußt du Fräulein herzlich von mir grüßen.”

“Dein Freund ist gut. Es ist freundlich, daß er mich grüßen lässt.”

“Ja, ja! hat Freund gesagt, herzlich grüßen, herzlich grüßen. Weiß ich Geschichte. Afrikaknaben erzählen.”

Dann holte er mehrere Briefe hervor von Brüdern und Freunden. (Er hat 10 Geschwister). “Bitte, lies du mir meine Briefe? und alles muß bei dir bleiben.”

Ich war erstaunt, wie gut die Briefe nicht nur geschrieben sind in deutscher Schrift – alle Namen mit lateinischen Buchstaben -, sondern wie hübsche auch der Inhalt ist. Daß sie selbständig verfasst sind, bezeugt stellenweise die Orthographie, obwohl auch die in manchen recht gut ist. Da ich denke, daß gerade Briefe Zeugen der geistigen Entwicklung sind, so lasse ich einige abschriftlich folgen. Epassie sagte mir, in der Konfirmandenstunde lernen sie lesen und schreiben, er hat nur vieles vergessen. Er mit seinen sämtlichen Verwandten und Freunden gehört einer katholischen Missionsstation an, und mit großem Stolz sagt er: “Ich heiße Bernard Epassie, weil ich bin katholisch. Unser Missionar ist Pater Vieler, ist gut zu uns; wir haben ihn lieb; Deutsche sind auch gut. Ich habe auch Landsmann in Danzig, hat mir Karte geschrieben; schreibst du auch Karte für ihn mit mir, bitte, ja?”

“Kribi, den 30. März 1897. Lieber Bruder! Deinen Brief habe ich richtig erhalten und war sehr erfreut die 2 Pakets welche du schriebst, daß du schicken wirst haben ich im März erhalten die Sachen haben uns sehr erfreut wir haben es unter uns verteilt der Vater Ukeba Friedrich jini und ich. Auch Anna Makale hat etwas bekommen. Bei uns ist es eben sehr schlecht der Vater ist schwer krank Lieber Bruder bitte bete für uns damit der liebe Gott wieder recht machen und sir wieder Gesund werden wenn es der Wille Gottes ist. Einer von unseren Verwandten Ejele ist in dezember gestorben. Mir geht es ganz gut und bin gegenwärtig Auch gesund auch Deine Mutter Njangnadivine ist Gesund er hat in Januar ein Knaben bekommen. Ich wohnte erst bei meinem Bruder Friedrich jini, da galt es ein kleines Palaver. Friedrich gini sagte ich dürfte sein Haus nicht mehr betreten Ich wohnt jetzt Allein in Dein haus wo du gewohnt hat.”

“Hattest du denn schon ein eigenes Haus, Epassie?” unterbrach ich hier die Lektüre, “Du warst doch noch so jung, als du in Afrika warst.”

“O ja”, antwortete er, “ich mein eigenes Haus, jeder Bruder auch eigenes Haus und darin.”

Da leuchteten seine Augen und er breitete seine Arme so weit aus, als er vermochte, und sagte: “Mein Vater ein großer, großer Mann, hat so viel und jeder hat sein Haus, jeder Bruder.”

Nun las ich weiter:

“Ich will mir selbst ein Haus bauen auf der Seite wo der König Wohnt. Ich werde 2 Zimmer machen damit wenn du wieder nach Afrika Gommst auch in Einen wohner kannst. Auche ein Veranda will ich bauen. Ich habe jetzt eine Frau Theresia Bakila und werde im Am 5 April getraut werden. Peter Ukuta ist seit Oktober in Afrika Er wird ebenfalls am 5 April getraut und heiratet Elisabeth gigin. Er ist gegewärtig Lehrer im Wasserfall das Mädchen welches du gekauft hatest ist davon gelaufen sie will nicht in Kribi bleiben Aber wir haben das geld wieder bekommen und werden es aufbewahren bis du wiederkommst.”

“Hast du denn ein Mädchen gekauft, Epassi?” fragte ich hier.

Er lachte verlegen kurz auf und dies Thema schien ihm sehr peinlich zu sein. Ich fuhr fort:

“Gouverneur Herr Von Oertzen ließ eine Brücke über denn Fluß machen bei der Katholschen Mission. Auch die Kribi leute bauen eine kleine Brücke über das Krick Ehongu. Herrn Daniel sein Haus wird am Ende April fertig. Er ist jetz ein reicher Kaufman in Kribi, Karl Maaß ließ dem König auch ein Großes Haus bauen. Er muß es ihm aber bezahlen. In Kribi ist alles im Alten Leren recht fleißig die Schneider und deutsch damit du uns bald selbst einen Brief schreiben kannst Leren recht fleißig bis 3 Jahre herum sind damit du recht viel kannst wenn du wieder nach Afrika kannst. Auch Peter Seele hat sich gefreut daß du ihm das Bruchband geschickt hast. Er ist jetz Koch in Plantation. Deine Freunde Karl Ugande, Epambe Bohole sind ganz wohl. dein Vater will daß du fleißig lernst solang du in Deutschland bist, dann in Afrika kannst du nichts Wiehr lernen und wenn du nichts Kannst wenn du zurückkommst dann lachen Dich die Leute Aus Deine Geschwischtern geh es Gut. Viele Griße von Allen, Auch die Verwandten und Bekannten lassen Dich vielmals Grüßen Ich beschließe um mein Schreiben und verbleibe Dein Dich Aufrichtig Liebender Bruder Andreas Ikweli.”


Source: Paula Karsten, “Kamerun in Berlin und deutsche Briefe von Kamerun,” Globus (7 August 1897), pp. 97-99.


Cameroon in Berlin and German letters from Cameroon (1897) by Jeff Bowersox is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License.
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