Die Vorstellung einer Welt, die sich um Jerusalem dreht (frühe 1200er Jahre)

Landkarten sind nicht nur eine neutrale Wiedergabe der Welt, sondern werden von den Anliegen des Kartenzeichners und der beabsichtigten Nutzer geprägt. Als solche können sie uns viel darüber erzählen, was eine Gesellschaft schätzte und wie sie die Welt sahen. Wir sind es gewohnt, Karten ausgelegt wie die Mercator- oder Peters-Projektionen zu sehen, die so entworfen sind, dass sie den Breitengrad und den Längengrad genau darstellen, um die Schifffahrt zu erleichtern. Aber im Mittelalter dienten europäische Karten genauso sehr, Geschichten über Gottes Schöpfung zu erzählen, wie auch, Reisen zu erleichtern. Herkömmlich waren solche Mappae Mundi auf Jerusalem zentriert und ordneten die Welt ein, indem sie sie in die drei ihnen bekannte Kontinente aufteilten. Das gebräuchlichste Format ist als „T-O-Karte“ bekannt, weil sie die Erde als einen Kreis, der durch ein T in drei Teile geteilt ist, darstellt: Asien belegte normalerweise die obere Hälfte, Afrika und Europa waren in den unteren rechten und linken Quadranten, geteilt durch das Mittelmeer. Die aufwändigste dieser Karten enthielt mehr Details zu verschiedenen bekannten und fantastischen Orten sowie Illustrationen, die die religiöse Bedeutung des Bildes vermitteln sollten.

Die hier gezeigte Karte ist, aufgrund des Klosters, in dem sie 1830 gefunden wurde, als Ebstorfer Karte bekannt. Sie war gewaltig, bestehend aus dreißig Pergamentbögen mit einer Gesamtfläche von 12,75 Quadratmetern, und höchstwahrscheinlich das Werk des englischen Gelehrten Gervasius von Tilbury, der bei der Welfen-Dynastie in Ebstorf beschäftigt war. Die Karte konzentriert sich auf die Darstellung von Ereignissen aus der biblischen Tradition, z.B. der Auferstehung Jesu im Zentrum und der Garten Eden an der Spitze, sowie von Ereignissen aus der klassischen Geschichte wie Alexanders Eroberungen. Sie enthält aber auch eine Aufzeichnung wichtiger Orte und ihrer geografischen Beziehung zueinander, nicht so sehr räumlich, sondern in der Reihenfolge, in der man sie auf Reisen treffen würde. Weitere Informationen finden Sie in der Analyse von Henry Davis oder in diesem interaktiven Leitfaden (auf Deutsch).

Afrika erstreckt sich auf der rechten Seite der Karte und wird als ein Land mit bekannten Orten und fantastischen Kreaturen dargestellt. Zu den mehr oder weniger detailliert beschriebenen Tieren gehören Affen, Basilisken, Kamele, Zentauren, Krokodile, Drachen, Elefanten, Hyänen, Salamander, Satyre und eine große Auswahl an schrecklichen Schlangen. Die Karte zeigt auch die vielen Wunder Ägyptens, darunter Theben, das als Heimat vom Heiligen Mauritius und seiner Legion identifiziert wird. Sie vermerkt den Reichtum des christlichen Königreichs von Nubien, ein Land mit nackten, aber angesehenen Menschen, die vom Handel leben, sowie Meroë, wo kleine Menschen auf Krokodilen reiten. Die „äthiopischen Garamanten” werden als ein Volk identifiziert, das von den Römern erobert wurde, und unter ihnen kennen Kinder nur ihre Mütter, weil alle die freie Liebe praktizieren. Im südlichen Afrika findet man ein breites Spektrum an wundersamen Menschen: deformierte Völker, denen es an Nasen, Mündern, Zungen und Ohren mangelt; Menschen, die kein Feuer benutzen; vieräugige Menschen, die ausgezeichnete Bogenschützen sind; Riesen; schnelle Troglodyten; Menschen, die gegen Schlangengift immun sind; Menschen, die umfallen und andere, die auf allen Vieren laufen; Kannibalen; Menschen mit Hundeköpfen; und Menschen, deren Lippen so groß sind, dass sie sie über ihre Köpfe stülpen können, damit sie Schatten vor der Sonne spenden. Interessanterweise haben die Garamanten meist dunkle Haut, und es gibt zwei weitere nicht identifizierte dunkle Gestalten, aber ansonsten stellt die Karte alle menschlichen Gestalten in Afrika mit heller Haut dar.

Die Bilder stammen aus einer Reproduktion, da das Original durch Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Jeff Bowersox (translated by Lilian Gergely)


English

Quelle: Kolossos, Ebstorfer World Map (2007), composite of images drawn from the EbsKart project. Via Wikimedia Commons.


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