Johannes genannt Morus (gest. 1254)

Johannes

Nachdem Friedrich II. die Eroberung Siziliens mit der Befriedung des Inneren der Insel abgeschlossen hatte, siedelte er Zehntausende Muslime, die dort durchgehalten hatten, nach Lucera in Apulien um, wo er auch eine kaiserliche Hofhaltung einrichtete. Zur Herstellung von Textilien und Waffen stellte Friedrich Frauen ein, die er von Eunuchen bewachen ließ. Seine Feinde verbreiteten das Gerücht, es handele sich dabei um seinen Harem. Er ließ auch eine Kapelle aus jungen schwarzen Männern bilden und bestimmte eine Elitetruppe sarazenischer Krieger zu seiner Leibwache. Durch Ausbildung und Schulung gab Friedrich begabten Einzelnen verschiedene Möglichkeiten, in seinen Diensten unabhängig von ihrer Religion oder ihrer sozialen Herkunft aufzusteigen.

Wie uns die folgende Darstellung berichtet, brachte es einer von diesen, ein gewisser Johannes, genannt „Der Mohr“, aus den niedrigsten Schichten der Gesellschaft nach ganz oben. Obwohl als Sklave geboren, wurde er in Friedrichs Diensten ausgebildet und brachte es bis zu dessen persönlichem Kämmerer. Schließlich ernannte ihn Friedrich zu seinem Vogt in Lucera und als solcher übte Johannes großen Einfluss in ganz Süditalien aus und nahm nach Friedrichs Tod die Stelle des Kanzlers ein. Johannes fand allerdings ein unglückliches Ende. Als Verteter der Hohenstaufen war er lange in Auseinandersetzungen mit dem Papst verwickelt gewesen, doch entschied er sich 1254 zu seinem Unglück, die Seiten zu wechseln und wurde von enttäuschten Muslimen, die dem Herrscherhaus gegenüber loyal waren, umgebracht.

Diese Büste ist nicht identifiziert, kommt jedoch aus Lucera zur Zeit des Johannes. Auch die über das Gesicht laufende Narbe könnte dem Erscheinungsbild des Johannes entsprechen, den ein Zeitgenosse „deformatus“ beschrieb.

Jeff Bowersox (übersetzt von Lilian Gergely)


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Besagter Johannes Morus war nun ein schwarzer Sklave aus dem Haus des Kaisers gewesen, der von klein auf großen Fleiß an den Tag legte und in jedem Dienst sich eifrig erzeigte, so dass er am Hof des Kaisers zu hohen Ehren kam und gern von diesem gesehen wurde. Schließlich machte der Kaiser, der bei jedermann weniger auf den Stand seiner Abkunft als auf dessen Fähigkeiten und Verhalten sah, weil ihn der Adel, der aus guten Sitten hervorgeht, edler deuchte als der Adel aus dem Blute, besagten Johannes, obwohl er missgestaltig aussah und der Sohn einer Magd war, zum Hüter seines Schatzes, ließ ihn an den Geheimnissen des Hofes teilhaben und setzte ihn auch über seine eigenen Leute. Und nach dem Tod des Kaisers, als Fürst Manfred das Reich für seinen Bruder verwaltete, blieb Johannes Morus in demselben Dienst, wurde aber gegen seinen Willen (auch noch) zum Obersten Verwalter der königlichen Kammer gemacht, ja er wurde vom König so hoch erhoben, daß er ihn sogar über die Stadt Lucera setzte und ihm den Titel eines Vogts dieser Stadt gab. In der Stadt aber hatte Johannes (schon) zu Lebzeiten des Königs mehr zu sagen als der König selbst, und dieser ging nicht stärker gegen die Sarazenen in dieser Stadt vor als Johannes, der als Verwalter und geradezu als Herr der Stadt zurückblieb. Als nun aber besagter Fall eintrat, daß Burelli starb, sandte der Fürst, der in Acerra weilte, besagtem Johannes, auf den er ebenso wie auf den Unterhalt aus der Kammer seines Vaters vertraute, persönliche Boten, durch die er ihm den besagten Vorfall darstellen ließ und beanspruchte zuversichtlich Johannes’ Hilfe in der Notlage, in der er sich befand. Und Johannes lobte die Weisheit des Fürsten in besagtem Vorfall und sagte ihm mit warmen Worten seine Hilfe zu. Insgeheim hegte er jedoch einen anderen Plan, wie aus dem, was danach geschah, deutlich wurde. Denn wieviel Leid es dem Fürsten einbrachte, daß er aus Acerra abzog, und wie sehr Johannes Morus ihn im Stich ließ, das soll nun erzählt werden. Der Fürst zog sich nämlich auf Anraten des Grafen von Acerra, mit dem er verwandt war, vor Mitternacht aus Acerra zurück, und zog bis zu einem Schloß namens Mallianum.

In der Zwischenzeit beauftragte Johannes Morus, der wie oben erwähnt, zugesagt hatte, er würde dem Fürsten mit Rat und Tat zur Seite stehen, einen seiner Gefolgsleute mit Namen Marchisius, die Stadt an seiner Stelle zu bewachen. Dann heuerte er tausend gewappnete Sarazenen zu Pferde und zu Fuß an und stationierte dreihundert deutsche Ordensritter gegenüber von Lucera in den königlichen Besitzungen, die in der Gegend lagen. Diese deutschen Ritter waren nach dem Tod des Kaisers in der Stadt Troia stationiert gewesen, aber nach dem Tod des Königs von den Einwohnern des Landes vertrieben worden. Dem Marchisius nahm er einen Eid ab erteilte ihm den strengen Befehl, niemanden, nicht einmal den Fürsten selbst, noch sonst wen in die Stadt Lucera hineinzulassen. Dann reiste er zum Papst und ließ dem Fürsten ausrichten, er ginge zu dem Zweck, mit dem Papst im Sinne des Fürsten zu verhandeln. Dabei war sein Ansinnen, sich selbst und die Stadt in die Hände der Kirche zu legen und dem Fürsten soviel Schaden wie möglich zuzufügen.

Als der Fürst jedoch von Johannes’ Abreise aus Lucera erfuhr, sandte er nun verschiedene Boten zu Unterhandlungen in die Stadt, zwar von niedrigem Rang, doch Personen, die gute Freunde der Sarazenen in dieser Stadt waren, und sie konnten, ohne Verdacht zu erregen, in der Stadt ein und ausgehen, um herauszufinden, inwieweit die Stadt gewillt sei, den Fürsten bei sich aufzunehmen. Als diese Boten zu ihm zurückkehrten, erfuhr der Fürst durch sie, wie wohlgesonnen ihm die Leute waren und dass sie sich darüber verwunderten, dass er nicht geradewegs nach Lucera gekommen sei, wo sich doch alle zur Verteidigung und zur Ehre des Fürsten zur Verfügung stellen würden und ihm alles, was sie hätten, zu Gebote stünde.

Im besagten Königspalast zu Lucera fand man nun die Schatzkammer des Kaisers Friedrich, die Kammer des Königs Konrad, auch die Kammer des Markgrafen Otto und des Johannes Morus. In diesen Schatzkammern entdeckte man Gold, Silber, Gewänder, Edelsteine und Waffen in großer Zahl. Daher begann der Fürst, diese Schätze und Güter, die man in den Schatzkammern gefunden hatte, unter den Rittern aufzuteilen und sowohl diesen als auch jenen Sold zu zahlen, die mit ihm aus der Gegend Kampaniens gekommen waren, und auch allen anderen, woher immer er sie nur anwerben konnte. Denn die vorerwähnten deutschen Ordensritter, die Johannes Morus, wie gesagt, in den vorerwähnten Besitzungen stationiert hatte, boten dem Fürsten, kaum dass er in Lucera angekommen war, ihre Dienste an und der Fürst nahm sie gerne in Sold. Noch weitere deutsche Ritter, die nach dem Tod des Königs in verschiedene Gegenden des Reiches und insbesondere über Apulien versprengt waren, kamen ebenfalls zu dem Fürsten, als sie von seiner Ankunft in Lucera erfuhren. Auch diese wurden in Sold genommen, und obzwar einige von ihnen keine Rosse oder keine Waffen besaßen, stattete sie der Fürst mit Rossen und Waffen aus, wie er sah, dass ein jeder es nötig hatte.

Indessen war nun Johannes Morus in Acerenza, und gerade zu der Zeit, als der Fürst, wie oben berichtet, in Lucera Einzug hielt, kehrte Johannes vom päpstlichen Hof zurück. Als er unterwegs hörte, der Fürst sei in Lucera, verwirrte ihn das sehr und er wunderte sich, wie er es nur hatte schaffen können, in die Stadt zu gelangen, wo er selbst doch vor seiner Abreise so genau dafür gesorgt hatte, dass die Stadt bewacht würde. Er sandte Boten an den Fürsten und bat um einen Geleitbrief für sich, weil er kommen und sich ihm zu Füßen werfen wolle. Der Fürst jedoch verabscheute es, die Untreue und den Verrat, den Johannes begangen hatte, unter den Tisch fallen zu lassen, und verweigerte ihm das Freigeleit. Er ließ jedoch erklären, wenn Johannes zu ihm käme, würde er ihn so empfangen, wie es dessen Verdienste erheischten. Als Johannes das hörte, ging er nicht nach Lucera zu dem Fürsten, da er ja ein schlechtes Gewissen hatte. Vielmehr ging er gradewegs nach Acerenza, wo er, wie berichtet, eine Weile verblieb. Doch als die Sarazenen, die sich dort mit ihm aufhielten, von seinem Verrat erfuhren, brachten sie in eher viehischer als menschlicher Wut eben den Johannes Morus, der ihnen völlig vertraute, um. Als sie seine Leiche ein ihre einzelnen Glieder zerlegt hatten, brachte man seinen Kopf nach Lucera, wo er als ein sichtbares Zeichen seines frevelhaften Verrats an das Tor dieser Stadt, das nach Foggia führte, aufgehängt wurde. Die Sarazenen sandten auch Boten zu dem Onkel des Fürsten, Galvano Lancia, der gerade von der römischen Kurie zurückkehrte und sich in seinem Schloß namens Tulle aufhielt. Diese berichteten ihm das Vorgefallene und baten ihn, nach Acerenza zu kommen und das Land namens des Fürsten einzunehmen.


Quelle: Nicholai de Jamsilla, “Historia,” Hrsg. Lodovico Antonio Muratori, Rerum italicarum scriptores, Bd. VIII, (Milan, 1726), 522 B, 527 D, 533 D, 542, übersetzt von Oliver Humberg.

Bildquelle: Kopf eines Schwarzafrikaners (ca. 1240s), Museo Civico di Lucera Giuseppe Fiorelli.


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