Biernatzki, „Der Braune Knabe“ (1839)

Johann Christoph Biernatzki war ein Theologe und Schriftsteller, dessen langwieriger Roman Der Braune Knabe aus dem Jahr 1839 einen einzigartigen Einblick in die deutsche Einstellung zur amerikanischen Sklaverei und Schwarz-Weißen Beziehungen gibt. In erster Linie ist der Roman ein theologisches Traktat mit einer stark antikatholischen Neigung, aber Biernatzki benutzt die amerikanische Sklaverei als Werkzeug, um seine Argumente über den Glauben zu äußern. Der Roman blieb das 19. Jahrhundert hindurch populär und wurde 1903 in seiner letzten Ausgabe gedruckt. Ein Teil seiner Popularität lag sicherlich in der Annahme, dass das (evangelische) Deutschland das Land des wahren Glaubens und der wirklichen Freiheit war.

In der Geschichte ist der Protagonist Walter, ein weißer deutscher Protestant, der durch die Auswanderung nach Amerika nach Religionsfreiheit sucht. Auf dem Weg dorthin erleidet er Schiffbruch und wird von einem Schwarzen Seemann namens Paolo gerettet, was ihm die Augen für den Kampf der Schwarzen Menschen in den Vereinigten Staaten öffnet. Er ist entsetzt über die Art und Weise, wie Sklaven missbraucht werden und versucht sogar zu intervenieren, als eine Frau ausgepeitscht werden soll, nur um selbst geschlagen und dann aus dem Staat Louisiana geworfen zu werden. Die fragliche Frau Carridoja entkommt und flieht mit Walter in die Wildnis, und gemeinsam finden sie Zuflucht bei einem indianischen Stamm. Sie heiraten und haben eine Tochter, aber tragischerweise wird der Stamm während Walters Abwesenheit von Plantagenbesitzern angegriffen, die Carridoja töten. Walter denkt, dass seine Tochter tot ist und kehrt nach Deutschland zurück. Während Walter seinem Freund Urban seine Geschichte erzählt, begegnet er seiner Tochter, die als Junge im Dienste von Urban verkleidet ist. Ihre wahre Identität wird offenbart, und sie macht Urban eine Liebeserklärung, nur um abgelehnt zu werden. Verzweifelt und entfremdet lebt sie den Rest ihrer Tage in einem Kloster. 

Der Roman bietet eine unerbittliche Kritik an der Sklaverei und scheut nicht davor zurück, ihre Gewalt darzustellen. Er ist auch als einer der wenigen deutschen Romane bemerkenswert, der Afroamerikaner positiv darstellte und sogar eine glückliche interrassische Beziehung sowie ein gemischtrassiges Kind thematisierte, das versucht, sich wieder in Deutschland anzupassen. Gleichzeitig zeigt der Roman die Grenzen der deutschen interrassischen Vorstellungskraft auf. Der Protagonist spielt die Rolle eines „weißen Retters”, und, obwohl positiv, sind die Beschreibungen des Schriftstellers von Afroamerikanern und Indianern mit herablassenden Stereotypen durchzogen. Walters Ehe mit Carridoja kann nur unter „wilden” Indianern stattfinden, weit weg von der „Zivilisation”, und es scheint, dass die Bedrohung, die ihre Vereinigung für die Rassenordnung darstellt, zu groß ist, um sie auf Dauer bestehen zu lassen. Ebenso deutet die Ambivalenz des Romans über die rassische und geschlechtliche Identität der Tochter Carridoja (eingebettet in den Titel des Romans) darauf hin, dass es für sie keinen Platz in einer respektablen bürgerlichen Gesellschaft gibt. In einem aus dem späten zwanzigsten Jahrhundert bekannten Thema ist das nicht-weiße deutsche Kind in Biernatzkis Roman ein „Problem”: Sie schafft Spannungen, die sich nicht durch Integration in ein glückliches Familienleben lösen lassen, an sich eine Allegorie für die deutsche Nation, sondern nur durch Ausgrenzung und Isolation.

Jeff Bowersox (übersetzt von Lilian Gergely)


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Quelle: J. C. Biernatzki, Der braune Knabe, oder die Gemeinden in der Zerstreuung (Altona: Joh. Friedr. Hammerich, 1839).


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