Eine erfundene interrassische Beziehung (1839)

J. C. Biernatzkis 1839 erschienener Roman Der Braune Knabe war in erster Linie ein theologisches Traktat mit einer stark antikatholischen Neigung, aber er benutzt eine Kritik gegen Rassismus und die amerikanische Sklaverei als Werkzeug, um seine Argumente zum Glauben zu äußern. Der Roman ist bemerkenswert, da er der einzige deutsche Roman der Zeit ist, der eine interrassische Beziehung zwischen dem weißen deutschen Protagonisten Walter und einer Schwarzen versklavten Frau Carridoja positiv darstellt. Obwohl sie angesichts der Gefahr positiv als fürsorglich und mutig dargestellt wird, ist Carridoja dennoch ein eher flacher Charakter, der vor allem durch ihre Hingabe für Walter und ihre Tochter definiert wird. Sie bestätigt die Niedertracht der amerikanischen Sklavenhalter und des Adels guter weißer Christen wie Walter. 

Walter trifft Carridoja zum ersten Mal auf einer Plantage in Louisiana, als er versucht zu verhindern, dass sie ausgepeitscht wird, und an ihrer Stelle einen Peitschenhieb erhält. Dieses Opfer gewinnt ihm Carridojas Zuneigung, die ihm abends gestohlene Früchte zu bringen beginnt. Als Walters Anti-Sklaverei-Ansichten, die ihm unter den Sklaven den Spitznamen „der schwarze weiße Mann” einbringen, dazu führen, dass er aus dem Staat ausgewiesen wird, flieht Carridoja von der Plantage, um ihm zu folgen und erleidet bei der Verfolgung schrecklichen Missbrauch und Bestrafung. Sie werden schließlich wieder vereint und finden Zuflucht bei einem indianischen Stamm. Carridojas Liebe erweckt Gewissensbisse in Walter, und zuerst widersetzt er sich ihrer Hingabe, aber das Leben in einem „Naturzustand” unter den Indianern öffnete ihm die Augen. Ein vorbeigehender Missionar beruhigte seine verbleibende Schuld und segnete ihre Ehe.

Jeff Bowersox (übersetzt von Lilian Gergely)


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Auf mein Verhältniß zu Carridoja hatte diese meine Hinneigung zu den Sitten und Gewohnheiten der Indianer einen bedeutenden Einfluß. Die höheren Forderungen, welche die Liebe unter gebildeten Völkern macht,traten allmählich zurück. Ich gewöhnte mich immer mehr daran, in der Gattin des Mannes allein das Weib, und nicht das mildere, weichere Abbild seiner Gedanken und Empfindungen, zu sehen. Bei meinen vielfältigen Streifereien war ich oft Tage lang entfernt, und die innige Freude der Negerin bei meiner Rückkunft, ihre schmeichelnde Sorge, mir den Aufenthalt in der Hütte so angenehm wie möglich zu machen, ihre unverstellte Trauer, wenn ich mich zu einer neuen Fahrt rüstete, gab ihr immer mehr Raum in meinem Herzen. Als der Frühling kam, dachte ich kaum noch daran, mich von ihr und den Choctaws zu trennen.

nur forderte er [der Missionär] jetzt unabweislich von mir, daß ich durch die priesterliche Einsegnung meiner Verbindung mit Carridoja die heilige Weihe geben sollte. Diese Forderung erschreckte mich, und doch, – er hatte ja Recht. Welche Schlechtigkeit schlummerte im Hintergrunde meiner Neigung für die Negerin. Ich wollte mir also den Ausweg frei lassen, sie einmal verlassen zu können. War ich besser, als der Pflanzer, der seine Sklavin mißbrauchte? Der Missionair durchschaute mich, er sah mit einem trüben Blick mir in’s Auge, das sich scheu vor ihm senkte, faßte dann die Negerin an der hand, und sagte mitleidig:

“Armes Weib! So bist denn auch Du nur ein betrogenes Opfer flüchtiger Leidenschaft.”

“Nein, nein!” rief ich hastig. “Sie soll mein werden durch das Band, das nur der Tod scheidet!” Der Priester umarmte mich mit einer Innigkeit, die von seiner Freude zeugte, daß ein Bruder am Scheidewege das Rechte ergriffen.


Quelle: J. C. Biernatzki, Der braune Knabe, oder die Gemeinden in der Zerstreuung, Teil 2, in J. C. Biernatzkis Versammelte Schriften Vol. 6 (Altona: Hammerich’s Separat-Conto, 1850), 9, 11.


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