Die Nazis verbinden “Jonny spielt auf” mit der Schwarzen Schmach (1928)

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Klavierauszug von Jonny spielt auf, Wikimedia Commons

Die deutsche Einführung kommt demnächst….

Ernst Krenek’s 1927 “jazz opera” Jonny Strikes Up [Jonny spielt auf] pits an African-American jazz musician (Jonny, played in blackface) against a modernist white German composer in a battle for the future of popular music. The show was a critical and popular success across Europe in the late 1920s both because it tapped into a contemporary vogue for jazz and, as Jonathan O. Wipplinger convincingly suggests, because its contradictory presentations of African-American culture allowed for a wide range of readings and appropriations over decades. The fact that Krenek’s score actually contained very little jazz, and what “jazz” it presented actually bore little resemblance to what jazz musicians were playing at the time, was beside the point.

Jonny‘s success made it a lightning rod for the radical right, who saw an opportunity to raise the profile of their critiques of the Weimar state. As they also did in protests against Josephine Baker’s performances, they tried to link debates over jazz and cosmopolitanism to widespread resentment over the terms of the Versailles Treaty. In particular, by connecting these shows to the use of colonial soldiers in the Rhineland occupation, they hoped to fill out a much broader narrative of national betrayal and racial degeneracy. The lasting resonance of Jonny in these efforts can be seen in the infamous poster for the Nazis’ 1938 exhibition on degenerate music, which was based on the illustration above.  

In the newspaper review below, a Munich commentator named Niedermeyer reports on a protest by Nazis at the show’s premiere. They tried to drown out the performers with boos and to stop the show with smoke bombs and tear gas. Nevertheless, most of the audience insisted on seeing the performance through after the police eventually removed the protesters. Niedermeyer draws hope from the broad resistance to such disruptions from the cultured classes, but his disappointment at the director’s pandering and the slow police response provides a chilling note of what is to come. 

Jeff Bowersox


English

“Johnny” entfesselt Skandal in München.

Die Oper “Jonny spielt auf” von Krenek, die seit der letzten Wintersaison viel von sich sprechen gemacht hat, wurde nunmehr auch im Münchener Gärtner-platz-Theater aufgeführt, nachdem die bayrische Staatsoper für die Erwerbung dieses Werkes kein Interesse bezeigte. Schon vor der Aufführung konnte man in den Zeitungen Proteste lesen, in denen die Figur des Jonny, des Neger-Jazzers also, in einen dem Unvoreingenommenen schwer verständlichen Zusammenhang mit der “schwarzen Schmach am Rhein” gebracht wurde. Kaum hatte Jonny bei der Premiere die Bühne betreten, als von einer etwa zehn Köpfe umfassenden Minderheit, die offensichtlich rechtsradikalen Verbänden angehörte, lebhaftes Pfuirufen einsetzte. Ein Stinkbombenangriff folgte bald; auch an Tränengasbomben fehlte es nicht. Die Aufführung mußte unterbrochen werden, da die Sänger in dem furchtbaren Lärm der Ruhestörer sich nicht mehr verständlich machen konnten und auch durch die Wirkung der Bombengase am Weitersingen behindert waren. Mehrere Besucher wurden ohnmächtig und mußten von dem Theaterpersonal ins Freie gebracht werden. Der größere Teil des Publikums aber blieb mit Taschentüchern vor Mund un dNase auf seinen Plätzen sitzen und sicherte dadurch die Durchführung der Aufführung trotz den Sprengungsabsichten der Hakenkreuzler. Reichlich spät griff die Polizei ein und entfernte die Haupträdelsführer. Der künstlerische Erfolg der Krenekschen Oper war nicht eben stark. Regissur Warnecke hatte all kräftigen und pointierten Szenen behutsam gemildert, so daß ein großer Teil der Effekte von vornherein verpuffen mußte. Die Hauptrollen waren mit auswärtigen Kräften besetzt. Den Jonny spielte Alfred Jerger von der Wiener Staatsoper, den Komponisten der Berliner Sänger Oestvig und Daniello der Leipziger Horand. Kammersängerin Gertrud Bender von Stuttgarter Landestheater lieh der Ivonne ihren Liebreiz, Elisa Stünzer von der Dresdener Staatsoper verkörperte die Sängerin Anita mit stilvoller Virtuosität. Unter den Störungen mußte das Spiel naturgemäß stark leiden. Das Orchester wurde von Professor Mikorey bestmöglich dirigiert; der Musikkörper versuchte, der für ihn ungewohnten Krenekschen atonalen Musik so gut wie möglich gerecht zu werden. Prinzipiell ist zu diesem “Jonny”-Skandal zu bemerken, daß es an der Zeit scheint, daß gegen die unheilvolle Tendenz von Störungen und kunstrichterlichen Eigenmächtigkeiten, wie sie nicht nur in München, sondern in Bayern überhaupt immer wieder vorkommen, von Seiten aller interessierten Künstler- und Publikumskreise energisch Front gemacht werde. Mit am augenfälligsten war ja die Sabotage des “Meistersinger”-Films der “Ufa”. Es entbehrt nicht eines skurrilen Beigeschmacks, daß die Hakenkreuzler in der Oper “Jonny spielt auf” eine Art außenpolitischer Gefahr sehen, daß sie diesen Operettenneger mit der sogenannten schwarzen Gefahr sehen, daß sie diesen Operettenneger mit der sogenannten schwarzen Schmach am Rhein überhaupt in Verbindung bringen. Mögen diese hitzigen Jünglinge sich auch überlegen, daß ihr Vorgehen schließlich nur eine Reklame für das bekämpfte Werk darstellt.

Niedermayer.


Quelle: Niedermeyer, “‘Jonny’ entfesselt Skandal in München,” Der Artist 2221 (14 July 1928).


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