Hans Massaquoi wird mit einer Völkerschau konfrontiert (ca. 1929)

Hans-Jürgen Massaquoi (1926-2013) wurde in Hamburg als Sohn einer weißen deutschen Krankenschwester und eines Schwarzen liberianischen Geschäftsmannes geboren. Er wuchs im Haus seines Großvaters Momoulu Massaquoi auf, der sowohl der liberianische Generalkonsul in Hamburg als auch ein wichtiger Kontakt für Schwarze Reisende nach Deutschland war. Er und seine Mutter blieben in Deutschland, als politische Schwierigkeiten seinen Vater und Großvater zurück nach Liberia brachten, und sie mussten sich sowohl an die Realitäten eines Arbeiterlebens als auch an den Aufstieg der Nazis gewöhnen. Massaquoi wollte zu seinen Freunden passen, aber bald machten die Realitäten des Lebens unter Hitler deutlich, dass seine Hautfarbe sein Leben schwierig machen und zuweilen zu viel Selbstforschung über seine Identität führen würde. Während sein Leben immer gefährlicher wurde, fand er gleichzeitig die Möglichkeit, enge Beziehungen zu pflegen, die ihn bis zum Ende des Krieges schützten.  Nach dem Krieg reiste er in die Vereinigten Staaten, trat der US-Armee bei und erwarb später einen Abschluss in Publizistik. Er wurde eine wichtige Medienfigur und stieg schließlich zum Chefredakteur der Zeitschrift Ebony auf. Seine 1999 auf Englisch geschriebene und ins Deutsche übersetzte Autobiographie, die später als zweiteiliger Fernsehfilm (2006) produziert wurde, bot einen einzigartigen Einblick in die alltäglichen Erfahrungen, als Schwarzer im Weimarer und Nazi-Deutschland aufzuwachsen. 

In dieser Passage erzählt Massaquoi von der Begegnung mit einer „Völkerschau” im Hamburger Zoo, als er noch nicht vier Jahre alt war. Es ist nicht ganz klar, an welche Ausstellung sich Massaquoi erinnert. Hilke Thode-Arora stellt fest, dass er sich auf einen Besuch einer Truppe von Oromo im Mai 1929 im Zoo oder vielleicht auf eine Gruppe von Somali beziehen könnte, die mit Hagenbecks Zirkus reisten, aber nie im Zoo auftraten, oder er könnte sich auf einen Besuch von dunkelhäutigen pazifischen Inselbewohnern 1931 beziehen. Unabhängig von der konkreten Begegnung beschreibt er eine zutiefst erschütternde Erfahrung für einen kleinen Jungen. Er erkannte nicht nur die betrügerische Karikatur von Afrikanern, die nicht wie seine Verwandten aussahen, sondern er selbst wurde plötzlich in ein öffentliches Schauspiel der rassischen Andersartigkeit in einem früher noch vertrauten Raum hineingezogen.

Jeff Bowersox (übersetzt von Lilian Gergely)


English

“Kulturschau” in Hagenbecks Tierpark

Eine der beliebtesten Attraktionen für Hamburger, ob jung oder alt, war Hagenberks Tierpark, der weltberühmte Zoo im Vorort Stellingen, wo man wilde Tiere nicht in engen Käfigen, sonder in Freigehegen zu sehen bekam, die ihrem natürlichen Lebensraum nachgestaltet waren. Als überzeugter Hagenbeckfan stimmte ich begeistert zu, als meine Mutter eines Tages meinte, dass es mal wieder Zeit für einen Zoobesuch sei. Diesmal hatte sie mit einer Kollegin aus dem Krankenhaus vereinbart, deren Tochter Ingeborg mitzunehmen, ein etwas freches, aber ansonsten ganz nettes Mädchen in meinem Alter.

Kaum waren wir nach der langen Fahrt mit der Straßenbahn im Zoo angekommen, da wollte Ingeborg auch schon die “Indianer” sehen. Meine Mutter und ich hatten noch nie gehört, dass im Tierpark Menschen gezeigt wurden, aber Ingeborg blieb dabei, dass sie bei ihrem letzten Zoobesuch richtige lebendige “Indianer” gesehen hatte. Meine Mutter fragte einen Zoowärter und bekam die Antwort, Indianer gäbe es gerade keine, aber man könne sich Afrikaner ansehen, was genauso interessant sei. Die “primitiven Völker”, so erklärte der Mann vom Zoo, seien Teil der berühmten Hagenbeckschen “Kulturschauen.”

Ingeborg und ich waren enttäuscht, weil wir uns schon darauf gefreut hatten, tapfere Krieger mit prächtigem Federschmuck zu sehen, aber wir fanden uns mit der afrikanischen Schau ab, obwohl wir nicht die greingste Ahnung haten, was uns erwartete. Was wir dann schließlich zu sehen bekamen, verschlug mir die Sprache. Wir gingen an herrlichen Gehegen mit Affen, Giraffen, Löwen, Elefanten und anderen afrikanischen Tieren vorbei und kamen am “afrikanischen Dorf” an, das aus rund einem halben Dutzend strohgedeckter Lehmhütten bestand und in dem, wie wir erfuhren, “echte Afrikaner” wohnten. Wie die Tiergehege war das “Dorf” von einem brusthohen Holzzaun umgeben, der dafür sorgen sollte, dass die Zuschauer draßen und die zur Schau gestellten Menschen drinnen blieben. Der einzige Unterschied zwischen Menschengehege und Tiergehegen war der, dass es keinen Wassergraben gab.

Abgesehen von der Hautfarbe und den Haaren hatten die “Afrikaner” keinerlei Ähnlichkeit mit meinem Verwandten der mit irgendwelchen anderen Afrikanern, die ich im Hause meines Großvaters kennen gelernt hatte. Alle “Dorfbewohner” waren barfuß und trugen zerrissene Lumpen. Zwei in schäbige Tücher gehüllte Frauen rammten im gleichmäßigen Rhythmus einen schweren Holzpflock in einen Mörser. Ein Zoowärter erklärte, sie würden Maismehl für das Abendessen machen. Die Männer saßen in Grüppchen herum und betrachteten aufmerksam die Zuschauer, plauderten in einer unverständlichen Sprache und pafften an kurzen, primitiv aussehenden Pfeifen. Es war schwer zu sagen, wer sich mehr für wen interessierte – die Afrikaner für die Europäer oder umgekehrt? Beide Seiten musterten einander mit unverhohlener Neugier über den Zaun hinweg.

Plötzlich geschah genau das, was ich vom ersten Moment an befürchtet hatte. Obwohl ich mich bewusst im Hintergrund gehalten hatte, um sehen zu können, ohne gesehen zu werden, entdeckte mich einer der Afrikaner in der Menge. Mit einem Mal wurde das ganze Dorf auf mich aufmerksam, und die Männer hörten auf zu rauchen. Als hätten sie einen Verwandten gesichtet, den sie lange nicht mehr gesehen hatten, zeigten sie alle in meine Richtung und strahlten.

Verzweifelt versuchte ich, mich hinter einem anderen Zuschauer zu verstecken, aber vergebens. Einer der Zoobesucher folgte der Richtung, in die die Afrikaner zeigten, und als er den Grund für die Aufregung begriff, richtete auch er einen dicken Zeigefinger auf mich. “Guck mal!”, sagte er zu seiner Begleiterin. “Da ist ein Kind von denen.” Das löste unter den übrigen Zuschauern eine Kettenreaktion aus, bis schließlich alle, Afrikaner und Deutsche, mich anstarrten.

Am liebsten wäre ich vor Verlegenheit im Erdboden versunken, weil man mich mit einem von “denen” verwechselte. Schließlich nahm meine Mutter mich und Ingeborg an der Hand und führte uns trotz Ingeborgs Protest von dort weg.

Am selben Abend, als wir wieder allein zu Hause waren, sagte meine Mutter zu mir, dass ich keinen Grund hätte, mich zu schämen. Die Afrikaner, die wir gesehen hatten, seien einfache, aber gute Menschen, die unser Mitleid und nicht unseren Spott verdienten. Sie vermutete, dass jemand sie mit falschen Versprechungen aus ihrer Heimat gelockt hatte, damit sie in der Schau auftraten. Und sie machte mir klar, dass es, selbst wenn die Afrikaner nicht mit Gewalt nach Deutschland gebracht worden waren, ein entsetzliches Unrecht war, Menschen in einem Zoo hinter Zäunen Seite and Seite mit Tieren zur Schau zu stellen.

So gern wir beide auch in den Zoo gingen, wir schworen uns an dem Abend, nie wieder Fuß in Hagenbecks Tierpark zu setzen. Ich verstieß erst etwa fünfzehn Jahre später gegen diese Abmachung, als ich nach dem Krieg mit einer jungen Dame in den Tierpark ging, weil sie mich darum gebeten hatte. Der Zoo war im Großen und Ganzen noch genau so, wie ich ihn seit meiner Kindheit in Erinnerung hatte, doch das “afrikanische Dorf” war verschwunden.


Quelle: Hans-Jürgen Massaquoi, >>Neger, Neger, Schornsteinfeger!<< Meine Kindheit in Deutschland, translated by Ulrike Wasel and Klaus Timmermann (Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2012), 44-7. ©Fischer Taschenbuch Verlag.


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Hans Massaquoi wird mit einer Völkerschau konfrontiert (ca. 1929) by Jeff Bowersox and Lilian Gergely is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License. Permissions beyond the scope of this license may be available at https://blackcentraleurope.com/who-we-are/.