Louis Brody über die Schwarzen Deutschen und der „Schwarzen Schmach“ (1921)

Im Rahmen der alliierten Besetzung des Rheinlandes nach dem Ersten Weltkrieg waren dort von 1919 bis 1930 französische Truppen präsent. Ab 1919 gab es unter den französischen Streitkräften zwischen 25-40.000 Kolonialsoldaten, obwohl ihre Zahl bereits ab 1921 zurückging. Ihre Präsenz in Deutschland, mit einer Abstammung aus vor allem West- und Nordafrika (insbesondere Senegal, Marokko, Algerien und Tunesien) sowie aus Asien, führte zu einer internationalen, virulenten Anti-Schwarz-Propagandakampagne, der Schwarzen Schmach. Schwarze Soldaten wurden beschuldigt, über weiße Frauen herzufallen, und es erschienen höchst rassisch determinierte Bilder von ihnen in der internationalen Presse. Die Kampagne erreichte ihren Höhepunkt um 1920 bis 1923. Aber: Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und der Mobilisierung von über 100.000 französischen Kolonialtruppen für den Einsatz in Europa wurde die rassistische Bilderwelt und Sprache in der deutschen Propaganda und den Medien erneuert.

Der folgende Brief des Kameruners Louis Brody (Bebe Mpessa) zeigt, dass die Kampagne erhebliche Auswirkungen auf die kleine Schwarze Bevölkerung in Deutschland hatte, deren Mitglieder verbalen und körperlichen Missbrauchs ausgesetzt wurden. Im Namen der Selbsthilfeorganisation, der African Welfare Society (der afrikanischen Wohlfahrtsgesellschaft), fordert Brody, dass die deutsche Öffentlichkeit Schwarze Bewohner mit Respekt statt mit Verachtung behandelt, während er gleichzeitig ihre Verbundenheit mit Deutschland betont. 

Robbie Aitken (übersetzt von Lilian Gergely)


English

Die deutschen Neger und die “schwarze Schmach”

Der deutsche Neger Lowis Brody (sic) schreibt uns im Namen des afrikanischen Hilfsvereins:

Die aus den ehemaligen deutschen Kolonien stammenden Schwarzen, die sich jetzt in Deutschland aufhalten, haben sehr unter den Berichten zu leiden, die in einigen Zeitungen über die “schwarze Schmach” veröffentlicht werden.

Die Deutschen scheinen dabei gar nicht zu bedenken, daß sie früher selbst Kolonien besessen haben, und daß bis heute noch keine endgültige Entscheidung darüber getroffen ist, ob die Eingeborenen aus den ehemaligen deutschen Kolonien Untertanen der Entente werden oder Deutsche bleiben sollen. Die Eingeborenen in den besetzten Kolonien werden politisch vorderhand als Deutsche behandelt. Ferner wird aus dem gleichen Grunde die Rückreise von Eingeborenen, die sich augenblicklich in Deutschland aufhalten, sehr erschwert.

Wir bitten daher die Deutschen, darauf Rücksicht zu nehmen, daß wir genau so leiden wie jeder andere Deutsche, und uns nicht von oben herab anzusehen.

Wir möchten auch noch ganz besonders erwähnen, daß wir nicht die unmoralische und unkultivierte Rasse sind, wie in Deutschland jetzt allzu allgemein behauptet wird. Wir müssen die Deutschen auf daran erinnern, daß Lettow-Vorbeck den Krieg in Afrika nicht allein geführt hat, sondern daß die Eingeborenen teilgenommen haben, und daß sie ihr Leben mit Stolz für die deutsche Flagge einsetzten. Die Schwarzen, die sich in Berlin und in den nichtbesetzten Gebieten Deutschlands aufhalten, stammen aus den ehemaligen deutschen Kolonien und sind keine Gelben und Schwarzen aus dem besetzten Gebiet. Wir bitten deshalb die Deutschen, Rücksicht auf diese Schwarzen zu nehmen und nicht fortwährend durch Berichte über die schwarze Schmach gegen sie zu hetzen.

Veranlassung zu unserem Schreiben gibt uns der folgende Vorfall: Ein Landsmann von uns, der vor ungefähr 14 Tagen ruhig auf der Straße ging, wurde plötzlich von Passanten überfallen und furchtbar beschimpft und geschlagen, da die Leute annahmen, daß es sich hier um einen Schwarzen aus dem besetzten Gebiet handelte.


Quelle: Louis Brody, “Die deutschen Neger und die ‘schwarze Schmach’,” B.Z. am Mittag (24 May 1921).


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