Vom Agassizhorn zum Rentyhorn (2008)

Die Erinnerungspolitik in den deutschen Ländern ist besonders stark belastet, aber dies hat Schwarzen Aktivisten die Möglichkeit eröffnet, Fragen darüber zu stellen, wessen Erinnerung zählt und wessen Erfahrungen zum Schweigen gebracht werden. Durch weitreichende öffentliche Bildungsaktivitäten und Kampagnen, um Denkmäler und Straßennamen infrage zu stellen, machen sie auf die koloniale Vergangenheit und ihre Hinterlassenschaften in der Gegenwart aufmerksam. Obwohl der Großteil des Aktivismus in Deutschland stattgefunden hat, gab es in der Schweiz auch Projekte, Kampagnen und neue Forschungen.

Ein bemerkenswertes Projekt ist die laufende Multimedia-Kampagne „Demounting Agassiz“, die 2007 von einem transatlantischen Komitee aus Wissenschaftlern, Künstlern und Aktivisten unter der Leitung des Schweizer Historikers Hans Fässler initiiert wurde. Im Mittelpunkt der Kampagne steht das Erbe des schweizerisch-amerikanischen Wissenschaftlers Louis Agassiz (1807-1873). Agassiz war für seine Arbeit als Paläontologe, Geologe und allgemeiner Förderer der Wissenschaft in der Öffentlichkeit weit bekannt und wurde respektiert. Er war auch als virulenter Rassist weithin bekannt, der zutiefst von der Vorstellung angewidert war, dass alle Menschen vom gleichen Ursprung stammten. Durch erniedrigende Untersuchungen afroamerikanischer Sklaven und Brasilianer wollte er beweisen, dass die nicht-weißen Rassen der weißen Rasse unterlegen waren und völlig getrennt gehalten werden sollten. Das Projekt beleuchtet in seinen vielen Facetten den Rassismus in Agassiz’ Arbeit und fragt, wie an ihn weltweit erinnert worden ist, zum Beispiel durch die Benennung von Straßen und am nennenswertesten eines Gipfels in den Alpen. Die Gründungsforderung der Kampagne besteht darin, „Agassizhorn” nach Renty umzubenennen, einem Mann, der aus der Kongoregion entführt, in South Carolina versklavt und dann von Agassiz zur Untersuchung fotografiert worden war, und das Projekt wird durch eine Wander-Museumsausstellung fortgesetzt.

Sasha Huber ist eine in Finnland lebende schweizerisch-haitianische Künstlerin, und ihre zahlreichen Installationen und öffentlichen Interventionen zeigen, wie die Kampagne das Erbe von Agassiz hinterfragt. Sie hat Selbstporträts und Proklamationen an Orten produziert, die nach Agassiz benannt sind, einen Monolog, in dem der Naturforscher seine Ideen in der Gegenwart verteidigt, und eine fortlaufende Serie von Porträts aus Nägeln, die die Auswirkungen des strukturellen Rassismus hinterfragen. Eines ihrer ersten Projekte, wie oben illustriert, war im August 2008, als sie auf den Gipfel von Agassizhorn reiste, um eine Gedenktafel für Renty zu installieren. 

Ähnlich wie bei den Forderungen nach der Entfernung von konföderierten Denkmälern in den Vereinigten Staaten und von Kolonialdenkmälern in Südafrika und Großbritannien fordert Huber, dass sich die Schweizer mit der Vergangenheit ihres Engagements mit Kolonialismus, Sklaverei und Rassismus auseinandersetzen. Dabei besteht sie, wie Janice Cheddie es ausdrückt, auf die Notwendigkeit die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart neu zu schreiben und mit öffentlichem Gedenken den Mythos einer „rassenlosen” Schweiz zu untergraben.

Jeff Bowersox (übersetzt von Lilian Gergely)


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Quelle: Sasha Huber, Rentyhorn – The Intervention (2008), photography by Siro Micheroli. ©Sasha Huber.


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