Karl Kraus on Interracial Relationships (1912)

Karl Kraus (1874-1936) was a renowned satirist whose Viennese journal Die Fackel scathingly mocked hypocrisy, the misuse of language, and the abuse of power. Prejudice and hypocritical sexual prudishness were regular topics. In this piece he responds to a number of newspaper pieces reporting on fears that black men were stealing white women. One of these articles re-printed a letter supposedly sent from a black man in Germany to his parents in Southwest Africa expressing his delight at being near white women. Kraus is biting in his criticism, hoping that the authors and readers of such articles are kept awake at night by their fears of exhibition performers. This article shows that the concern over colonial order, both in the colonies and in the German lands, was focused in particular on the control of white women and black men’s bodies to a much greater extent than was the case when talking about relationships between white men and black women. It also shows that there were white voices challenging this oppressive regulation of relationships.


 

August 1912

Weisse Frau und schwarzer Mann

»Auf der Tagung der Deutschen Kolonialgesellschaft in Hamburg wurde einhellig der Grundsatz aufgestellt, erotische Annäherungen Weißer an Farbige in den Kolonien auch von männlicher Seite zu unterlassen. Eine solche Annäherung sei indirekt eine Beleidigung der Würde der weißen Frauen. Die weißen Frauen aber werfen selbst mit ihrem Gebaren ihre Würde weg. Es sind nun in Deutschland Stimmen laut geworden, Ausstellungen fremder Volksstämme ganz zu verbieten. Das hieße aber das Kind mit dem Bade ausschütten und ein belehrendes Anschauungsmittel preisgeben. Vielmehr sollten die Frauen, die sich derart vergessen und verlieren, rücksichtslos an den Pranger gestellt werden.«

»Besucherinnen des Hagenbeckschen Tierparkes in Hamburg haben sich Zudringlichkeiten gegenüber den Männern der dort gastierenden Beduinentruppe zu schulden kommen lassen. Es kam so weit, daß die Leitung des Tierparkes und die Polizei eingreifen mußten. Alle Besucherinnen, die auffällig nach der Gunst der Beduinenmänner strebten, wurden einfach hinausgewiesen, ja einige Beduinen, die sich besonders ›gefahrvoll‹ benahmen, in die Heimat abgeschoben. Und es waren nicht etwa Mädchen aus niederen Volksschichten, sondern Mädchen und Frauen aus den besseren Ständen, die vor geradezu schwärmerischer Ekstase die widerwärtigste Zudringlichkeit bekundeten. Die weißen Frauen vergaßen ganz ihre Würde.«

»In Kapstadt trat vor einiger Zeit eine Kommission zusammen, die sich mit der Untersuchung der Ursache der häufigen Angriffe von Negern auf weiße Frauen beschäftigte. An dieser Konferenz nahmen auch drei Damen teil. Eine derselben, eine gewisse Frau Füller, eine ältliche Frau aus einer kleineren Farmerkolonie, erklärte, viel an diesen verbrecherischen Anschlägen trage auch das kokette, herausfordernde Wesen mancher weißen Damen bei, die offenbar in vielen Fällen ein gewisses Gefallen darin fänden, mit den armen Niggerboys aufs schmählichste zu kokettieren. Daß sich dann solche Menschen, die ein so ursprüngliches Gefühl haben wie die Schwarzen, leicht zu gewissen törichten Handlungen hinreißenließen, sei zu begreifen. Anders urteilte ein alter pensionierter Oberst, der sagte, man solle ohne Umstände jeden Schwarzen hängen, der sich die geringste Zutraulichkeit zu einer Weißen erlaube. Ein der Kommission angehörender Arzt sagte, diesen unleugbar bestehenden Mißständen wäre sehr schwer abzuhelfen, da die Neger von Natur aus sehr heißblütig veranlagt seien und die weißen Frauen sie durch ihr scheinbar viel kühleres und beherrschteres Temperament oft bis zur Tollheit reizten. Es sei jedoch zu hoffen, daß die Neger bei fortschreitender Kultur viel von ihrem ungebärdigen Wesen verlieren werden.«

»Die ›Deutsch-Südwestafrikanische Zeitung‹ veröffentlicht den Originaltext eines Briefes, den ein Schwarzer aus Deutschland an seine Eltern in der Kolonie geschrieben hat: Liebe Eltern! Ich Möchte Ihr zu schreiben, Ihr habe mich vergessen, Schreibt mir ka kein Brief. Wenn Ihr Mich vergessen, ich vergesse Ihr nicht. Wie geht Ihr den? seid Ihr alles gesund? Mir geht auch gut. Ihr muß mir auch Schreiben, Wie Ihr geht, das wiel ich auch wissen. Vormal war ich Nach Herzfelde bei Berlin, da war schön, aber jetzt bin ich versetzt in anderen Bahnhof. Lange Bleibe ich nicht Mehr da. Jetzt waß ich nicht, wo ich Jetzt hin komme. Vieleich Nach hause oder anderen Bahnhof. Aber hier ist auch gut, aber ist nicht zuhause, am Weihnachsten Sehr kalt, da nemann Winter. Hier in Deutschland viele Schöne Mädel, am Sonntag schön feste Tanzen. Mit Weiße Mädchen da ist viel schöner. Die Weiße sind feine Leute, Wie bei uns auch, aber Manche sind auch Schlecht. Meine liebe Eltern, ich möchte auch da was zu fragen, ich habe hier mit Eine Weiße Mädchen gesprochen, daß Mich heraraten kein, so bitten ich, daß Sie Mir 500 Mark schicken, das ich Mit Reise kein. Hier Im Deutschland, wenn Mann heraraten, der Muß viel Geld haben. Aber Jetzt bin ich noch Lehrling, ich verdient keine Geld Jetzt. So Bitten ich für 500 Mark Mir zu schicken. Wirglich sage ich ihnen, Eine Weise Mädchen Muß ich habe, die Weise Mädchen gefeld Mir Ambesten. Mit herzlichen Grüßen Ihr Sohn Joh. Mbida In Deutschland.«

Nigger waß, was gut schmecken. Weißer weiß es nicht. Liebt nicht Liebe, nur Würde. Frau Füller Ausnahme, weil ältlich. Kokettiert nicht schmählich mit arme Niggerboys, lassen sich auch nicht zu gewissen törichten Handlungen hinreißen. Alter Oberst will jeden Schwarzen hängen, wenn jede Weiße zutraulich wird. Alle hoffen, daß schlimme Nigger bei fortschreitender Kultur werden gleichfalls impotent … Ein Vorschlag zur Güte, durch den ich mich endgiltig aus der Zivilisation verbanne, eine Idee, durch die ich endlich erreichen muß, daß kein abendländischer Bürger einen Bissen Geistes von mir nimmt, ein Herzenswunsch, der sie alle zu der Überzeugung bringen wird, es sei vorteilhafter, mich statt tausend Neger zu lynchen. Ich wünsche ihnen also: ihre Nächte wären so schwarz, daß sie den Neger, der neben ihrem Ehebett auftaucht, erkennen müssen. Seine weißen Zähne mögen sie aus dem Schlaf höhnen und die Bekenner der christlichen Karies zitternd nach ihren Weibern sehen lassen. Erzengelhaft mögen der Schwarze und der Gelbe zu ihren Häupten und zu ihren Füßen stehen und die hysterische Beute, die sie der Natur abgejagt haben, bewachen helfen. Oberste, Ärzte, Literaturprofessoren, Richter, Geschworne, Advokaten, Malermeister, Bankiers, Kaffeesäcke, Pastoren, Verdiener jeglicher Art mögen den Alpdruck minderwertiger Rassen, die ihnen allein ihre verhutzelten Weiber in Stand setzen könnten, nicht mehr los werden. Die Furcht, daß bei der nächsten Beduinenausstellung das belehrende Anschauungsmittel mit ihrer Hausehre gepaart sei, verfolge sie in den Traum. Das Kind, das sie mit dem Bade nicht ausschütten wollen, wird nicht von ihnen sein. Nichts trage ihre Vaterzüge als die Phrase. Am Tag mögen sie ihre Frauen an den Pranger stellen, weil sie sie in der Nacht nicht befriedigen konnten, und jene, die es besser könnten, lynchen: so mögen sie im Schlaf erfahren, daß nur die Bildung krepiert, aber die Natur nachwächst. Rings um das Bett wirds lebendig. Aus der Tapete springt ein Chinese, der Mohr neben der Kredenz wendet den Kopf, der stumme Diener macht sich erbötig, wenn der Herr versagt. Hausrat und Zierat werden munter, und jedes Ding hat ein Gesicht. Schon ist die gute Stube voll von minderwertigen Rassen, gleich treten sie ein, sich des gekreuzigten Eros zu erbarmen, des Opfers der tristen Sittlichkeit, die sich entschuldigt, weil einmal keinmal ist. Sancta simplicitas! Milliarden Frauen müssen es büßen, mit ihrer und der Welt Gesundheit büßen, weil die Gatten so bald bereuen! Und weil sie den Stellvertreter nicht anerkennen, so ist er da. Die Minderwertigen sind die geborenen Stellvertreter. Belehrende Anschauungsmittel, die sich zu törichten Handlungen hinreißen lassen. Haben keinen Grundsatz, doch ein so ursprüngliches Gefühl. Bringen neue Säfte in die Kultur. Haben sie nicht auch schönere Zähne? So brauchen sie sich ihres Lachens nicht zu schämen. Was stehen sie im Traum herum? Wenn sie sich am Tag aufraffen wollten, sie würden mit den weißen Kadavern fertig werden und weißen Leibern an die Sonne helfen. Ich zeige ihnen den Weg. Ich weiß, welche Verpflichtung mir der Geist gegen die Welt auferlegt hat. Mag sie mich, wenn sie dies Bekenntnis liest, noch mehr verabscheuen als bisher. Ich bin der Todfeind, der sich ins abendländische Schlafzimmer geschlichen hat, die Verräter zu verraten. Mögen sie mein Gesicht als das eines Ephialtes in ihren gottlosen Traum aufnehmen!


 

Source: Karl Kraus, “Weiße Frau und schwarzer Mann,” Die Fackel (29 August 1912): 1-4.

 

1912-08-12–Karl Kraus weiße Frau schwrazer Mann

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