Tahir Della über die Anfänge der ISD (2017)

Philipp Khabo Koepsell


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Interview with Tahir Della (November 2017)

Von der ISD (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland) habe ich über das Buch Farbe Bekennen erfahren. Ich hatte es 1986 zum ersten Mal in den Händen. Zeitnah habe ich Kontakt mit May Ayim, später auch mit Katharina Oguntoye und mit Eleonore Wiedenroth in Frankfurt aufgenommen. – Weil immer wieder spekuliert wird, wo die ISD gegründet worden ist: De facto war es mehr oder weniger zeitgleich und mehr oder weniger an verschiedenen Orten. Zum einen haben wir da Berlin, wo die Frauen durch Audre Lorde Kontakte geknüpft und zu Farbe Bekennen recherchiert haben. Zum anderen Frankfurt. Auch dort war es eine Folge der Recherchearbeit. Die Frauen haben bundesweit geschrieben. Es ging also in Frankfurt auch relativ zeitgleich los.

Das Buch war ein Blick aus Schwarzer Perspektive auf die Kolonialgeschichte Deutschlands und natürlich auch auf rassistische Verhältnisse in Deutschland. Es beinhaltet die persönlichen Autobiographien der verschiedenen Frauen, aber auch viele Ansätze, Rassismus tatsächlich aufzuzeigen und zu benennen; Ursprünge, Wirkungen, und wo wir Rassismus in der deutschen Gesellschaft heute finden.

Das war ein völlig neuer Blick. Bis dato war Rassismus im Bezug auf Schwarze Menschen, wenn überhaupt ein eher beiläufiges Thema und bezog sich nicht auf die Erfahrungen der Leute. Es wurde über Schwarze geschrieben, aber Stimmen von Schwarzen kamen da so gut wie nie vor.

Bevor ich zur ISD kam, kannte ich bereits Fasia Jansen, nicht persönlich bedauerlicherweise, aber ich kannte ihre Arbeit, ihre Musik. Das war für mich immer ein Marker, dass natürlich auch in Deutschland Schwarze Künstler*innen oder Kulturschaffende existierten – und das sozusagen im Gegensatz dazu, was in der Gesellschaft wahrgenommen wurde: Schwarze Menschen, wenn sie überhaupt als Kulturschaffende oder als politisch Aktive auftraten, waren eben erst relativ kurz in Deutschland.

Ich kannte länderbezogene afrikanische Vereine, die auch immer in regelmäßigen Abständen Veranstaltungen und Treffen durchführten. Dort wurden natürlich auch politische Themen behandelt. Ich kannte migrantische Menschen mit afrikanischer Herkunft, aber eben keine Schwarzen Menschen, die hier geboren und sozialisiert wurden und die mit diesen Erfahrungen politische Arbeit leisteten.

Ich kann nicht behaupten, dass ich auf der Suche gewesen wäre. Aber vor allem in den 1970ern habe ich schon stellenweise die Augen offen gehalten. Ich habe mich immer gefragt, warum Schwarzen Leute nicht schon in dieser Zeit politisch aktiv geworden sind. Natürlich wissen wir nicht, was wirklich stattgefunden hat. Viele Sachen, die stattgefunden haben, sind im Laufe der Zeit wieder unsichtbar gemacht geworden. Es hat zumindest nicht zu einer Bewegung geführt, die jetzt 30 Jahre lang gehalten hätte.

In den 1970ern, 1980ern war die Anti-Apartheidbewegung sehr stark. Da gab es natürlich Berührungspunkte mit anderen Schwarzen Menschen, aber das war wirklich sehr selten. Audre Lorde in Berlin, Farbe bekennen – all das hat viel bewirkt. Es muss wohl so gewesen sein, dass die Zeit reif war für viele. Auch zwei Filmreportagen über die ISD haben anfangs für einen Schub gesorgt. Reporter*innen waren auf den ersten Treffen in Wiesbaden oder Frankfurt dabei gewesen und Sendungen mit relativ unsäglichen Titeln wurden bundesweit ausgestrahlt. Die 1980er in Deutschland waren eine Zeit für politische Bewegungen und in einer politisch bewegten Zeit ist es eben auch möglich Schwarze politische Arbeit zu betreiben.

Ich kann zwar nicht behaupten, dass ich nur darauf gewartet hätte. Aber irgendwo, wahrscheinlich im Unterbewussten, war es ein Zeichen: Okay, es geht; man kann in Deutschland als Schwarzer, politisch interessierter Mensch politische Arbeit machen – und zwar im selbstbestimmten Kontext. Der Beleg wurde durch dieses Buch (Farbe bekennen) geliefert und durch die ersten Treffen. Das hat Leute inspiriert zu sagen, „da mach ich jetzt mit“. So war es für mich und ich glaube so war es für viele Leute.

Viele, die sich schon zu diesem Zeitpunkt politisch engagiert haben – entweder in der Anti-Apartheidbewegung, oder der Frauenbewegung, in der Umwelt oder Anti-Atomkraftbewegung – sind dann später in der ISD oder bei ADEFRA gelandet. Da waren alle mögliche Leute dabei, die mit diesen Erfahrungen auch von Anfang an ihre ISD- oder ADEFRA-Arbeit in Kooperationen mit anderen Gruppen gedacht haben. Es gab dann immer mehr Überschneidungen und Networking.

Die Münchener Gruppe, die so 1987 entstand, hat zum Beispiel mit der Afrikanischen Studentenunion zusammengearbeitet. Das ging sehr lange, fast bis in die 1990er Jahre, bis sich die Studentenunion aufgelöst hat, weil die aktiven Leute dann ihr Studium beendet hatten. Diese Zusammenarbeit entstand ziemlich schnell und es gab auch sehr schnell Anknüpfungspunkte. Auch für die Afrikaner*innen war es neu und interessant, dass sich Schwarze Menschen, die hier sozialisiert wurden und keine migrantische Erfahrung hatten, politisch engagierten. Die Afrikanische Studentenunion ist ein Beispiel. Aber in München gab es wie gesagt auch die national orientierten, afrikanischen Gruppen, die auf uns aufmerksam wurden und angeboten haben zusammen zu arbeiten.

Die Erfahrungen waren da sehr unterschiedlich; dementsprechend auch die Art wie man sich ausdrückt hat, in Präsentationen und Themen. Das war eine spannende Angelegenheit, weil ein Austausch stattgefunden hat, den es vorher so nicht gab. Bis dahin waren auch die afrikanischen Gruppen überwiegend auf weiße Kooperationspartner*innen angewiesen gewesen. Das hat sich dann sehr schnell geändert. Nicht nur in München, auch in allen größeren Städten, wo schon vor der ISD afrikanische Gruppen aktiv waren. In diesen Städten haben Treffen stattgefunden, zu denen Leute aus anderen Städten dazukamen.

Weil es noch keine Infrastruktur gab, haben die Treffen überwiegend Zuhause stattgefunden. Die Reisetätigkeit war sehr intensiv und die lokalen Gruppen waren immer regelmäßig im Austausch, faktisch alle 14 Tage. Es war eine spannende Stimmung, die sehr vom Aufbruch geprägt war, weil wir in kurzer Zeit viele neue Erfahrungen machen konnten. Es wurden sehr schnell Pläne geschmiedet, das ganze auszubauen und zu verfestigen.

Einladungen liefen über den Postweg. Im besten Fall gab es Flyer. Im ungünstigsten Fall haben wir einfach Leute auf der Straße angequatscht und gefragt, ob sie schon mal etwas von der ISD oder  ADEFRA gehört haben. Wir haben dann versucht Postadressen oder Telefonnummern zu bekommen. Was nicht immer gelungen ist. Das war viel Arbeit, weil Adressen sich ja ändern können oder man hatte falsch ermittelt oder was auch immer. Ich glaube durch den Mangel anderer Mittel hat jede*r jede*n angesprochen, was jetzt kaum noch stattfindet. Jetzt macht das keiner mehr, denn es gibt ja Möglichkeiten für die Leute, die sich interessieren. Sie können sich entweder selbst melden oder bei Veranstaltungen E-Mail-Adressen hinterlassen. Das gab es damals in der Form natürlich nicht.

In München gab es 1987 oder 1988 ein großes Treffen bei der IAF (Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V.). Das war sehr spannend, weil auf völlig neue Art und Weise Diskussionen geführt wurden. Eine Gruppe von Frauen, die vorwiegend mit afrikanischen Männern zusammen waren, hatte uns zum Austausch eingeladen. Für viele von uns war das die erste Möglichkeit überhaupt, eine Projektionsfläche zu haben und kritische Auseinandersetzungen führen zu können, die so vorher nicht stattgefunden haben.

Durch Leute, die von der DDR in die BRD gewechselt sind oder Familie dort hatten, gab es Kontakte nach Ostdeutschland. Als dann die Grenzen geöffnet wurden, sind wir zweimal mit größeren Gruppen nach Ostberlin gefahren. Nach der Grenzöffnung war klar, dass man versucht hat, auch die Leute im Osten für die Arbeit der ISD zu mobilisieren. Was aber interessanterweise nie wirklich flächendeckend funktioniert hat. Durch Sam Meffire, der durch seine Plakataktion „Ein Sachse“ bekannt geworden ist, hatten wir Kontakte nach Dresden. Da gab es damals eine Bürgerrechtsbewegung. In Leipzig gab es eine Gruppe, die sich IG Farbig genannt hat und 1990 gab es dann auch ein Bundestreffen in der Nähe von Leipzig.

Zu dem Zeitpunkt sind schon Debatten aufgekommen: Wer eigentlich mit der ISD gemeint sei und was die Zielgruppe sein sollte. Das hatte zur Folge, dass Leute gedacht haben, wenn man das ganze völlig anders benennt, wird man deutlicher im Profil. Wir hießen früher beispielsweise Initiative Schwarze Deutsche. Aber wir haben eine Zielgruppe, die sich nicht an Staatsbürgerschaft oder Sprache festmacht. Anfang der 1990er haben wir uns dann in Schwarze Menschen in Deutschland umbenannt, um diesen Prozess deutlich zu machen.

Die IG Farbig hat sich nie als ISD bezeichnet. Inzwischen gibt es eine ISD-Leipzig, weil die IG Farbig sich irgendwann aufgelöst hat. Es gab auch eine Gruppe in Freiburg, die sich nicht ISD genannt hat. Die nannten sich B.L.A.C.K. (Badische Liga für Afrikanische Connection und Kommunikation) – und trotzdem waren sie alle bei der ISD aktiv. Meines Erachtens hätte man stärker und früher deutlicher machen müssen, dass wir eine Bandbreite haben, die zwar bis heute immer noch nicht richtig abgebildet ist, aber mehr und mehr stattfindet.

In Frankfurt gab es Anfang der 1990er eine Jugendgruppe, die hieß Young Black Souls. Das waren überwiegend Jugendliche, deren Eltern vom Kontinent kamen und die eine ganz andere Ausrichtung hatten. Die ISD hatte ein eher akademisches Klientel angesprochen. Es waren  auch viele Frauen aus der Frauenbewegung involviert, die ihre aktivistischen Ansätze mitgebracht hatten. Und was die Lebenshintergründe angeht, waren wir eben überwiegend „deutsch“ sozialisiert. Das war bei den Young Black Souls anders. Da waren auch welche dabei, die dem ISD-Profil entsprochen hätten, aber überwiegend mit beiden afrikanischen Elternteilen.

Sie hatten uns zu einem Treffen in ein Jugendzentrum eingeladen, ungefähr 50 Leute waren gekommen. Das war ein scharfes Erlebnis insofern, dass die alle mehr oder weniger zwischen 16 und 25 Jahren waren, ein ganzes Stück jünger als wir und auch durch Frankfurt (US-Amerikanischer Stützpunkt Rhein-Main Air Base) bedingt sehr Hip-Hop-affin und in diese Richtung orientiert. Aus unserer Perspektive war dies eine neue Generation und im Vergleich zur ISD mit weitaus unterschiedlicheren Lebenserfahrungen. Das war auch cool und sehr interessant, denn diese Gruppe war bis dato nicht wirklich vertreten.

Diese Jugendlichen wussten von der ISD und waren zum Teil auch schon auf anderen Treffen gewesen. Nun hatten Sie sich in ihrem Bekanntenkreis dazu entschlossen, dieses Treffen zu machen. Sie sind dann auch in großer Anzahl zum folgenden ISD-Bundestreffen gekommen, aber man kann nicht sagen, dass sie in der ISD aufgegangen wären. Für sie war es eine völlig neue Erfahrung, diese Gruppe aufzumachen.

Die erste Generation von Leuten, die in der ISD aktiv waren, waren überwiegend sehr politisch interessiert. Mit den genannten Hintergründen hatte sich die ISDschnell stabilisiert. Das war auch der Unterschied zu den Young Black Souls, die nicht unbedingt eine politische Agenda hatten. Vielleicht hat das auch dazu geführt, dass die Leute dort irgendwann das Interesse verloren hatten und sich die Gruppe ziemlich schnell auflöste. Vielleicht auch, weil sie älter geworden sind und angefangen haben zu arbeiten, Familien zu gründen und so weiter. Einige sind noch in der ISD verblieben, zum Beispiel der Rapper D-Flame aus Frankfurt.

Zu der Zeit hatten wir auch nicht unbedingt eine komplette, politische Agenda – sie war maximal im Entstehen – aber wir hatten zumindest eine Vision. Es gab ja kaum Erfahrungen, auf die man hätte zurückgreifen können, in Sachen Aufbau von Organisationen oder Bewegungen. Natürlich gab es auch in Deutschland schon in den 1920ern Schwarze Menschen, die politisch aktiv waren. Sie waren in Gewerkschaften organisiert. Aber zum einen wurde das erst sehr viel später bekannt und zum anderen war es eine völlig andere Epoche. Von daher war unser Interesse am Ausland natürlich sehr groß.

Wir sind regelmäßig zur Schwarzen Buchmesse (The International Book Fair of RadicalBlack and Third World Books) nach London gefahren. Dort wurden Kontakte geknüpft und Austauschmöglichkeiten geschaffen. England war näher dran, aber es gab auch Kontakte in die USA oder in die Karibik. Mit den Niederlanden war es zum Beispiel so, dass wir ein paar Mal auf einem Jazzfestival in Amsterdam waren oder Buchläden von Aktivist*innen besucht haben. Immer auf persönlicher Ebene, angestoßen von einzelnen Personen. Man fährt da und da hin, man trifft Leute, die auch politisch aktiv sind, man erzählt von unseren Erfahrungen, von unserer Arbeit und tritt so in den gegenseitigen Austausch.

Mit anderen internationalen Organisationen gab es da meines Erachtens keinen Kontakt. Aber das wissen vielleicht andere besser, wie etwa die Herausgeberin von Afrekete, der Frauenzeitschrift von ADEFRA, Eva von Pirch. Sie lebt noch in Holland. Oder Elke Jank, die inzwischen wieder in Bremen wohnt – die beiden haben die Zeitschrift herausgebracht. Sie hatten viele Kontakte nach Holland, zu anderen Gruppen selbstorganisierter Frauen.

Ohne die politische Arbeit der Frauen würden die ISD und die ADEFRA gar nicht existieren. Wir wären auf keinen Fall so weit. Nicht nur in dem Sinne, dass die Arbeit von Frauen gemacht worden ist, sondern vor allem in der inhaltlichen Ausrichtung. Ich vergleiche unsere Arbeit mit anderen politischen Bewegungen, die uns ähnlich sind – das können PoC-Gruppen sein, oder migrantische Gruppen – und man kann mit allem inhaltlich zufrieden sein, aber ich glaube, wir agieren im Vergleich sehr viel progressiver, sehr viel intersektionaler.

Wir sind so aufgestellt, dass wir Diskriminierung breiter betrachten, nicht bloß in Bezug auf Rassismus. Natürlich haben wir auch Konflikte, das ist nicht abzustreiten. Wir hatten Konflikte zum Thema Transfeindlichkeit, wir hatten Genderdiskussionen, Debatten über Leute mit Fluchterfahrung etc., aber es wird zumindest darüber gesprochen; es findet statt. Es wird nicht ausgeschlossen und wir scheuen uns auch nicht davor. Das hat damit zu tun, dass die inhaltliche Arbeit von Frauen vorangetrieben wurde. Das hat diese zahlreichen Perspektiven überhaupt erst möglich gemacht.

Die Männer haben es nicht geschafft, sich so zu engagieren. Das ist ja in anderen Bereichen nicht anders. In dem Moment, wo es um gesellschaftliche Fragen geht, sind in allen Strukturen immer überwiegend Frauen aktiv. Ob es jetzt die Geflüchteten-Arbeit ist oder die entwicklungspolitische Arbeit oder soziale Themen, es ist eigentlich relativ egal. Man kann das bestimmt nicht verallgemeinern, aber man kann zumindest feststellen, dass es sich in den Zahlen ausdrückt. Das schließt aber nicht aus, dass Männer zu einem Problembewusstsein oder einer kritischen Haltung gegenüber allen möglichen Fragen beitragen. Es ist wichtig und  wünschenswert, dass diese Erfahrungen uns im Austausch stärker machen. Wenn wir erreichen könnten, dass es nicht vom Geschlecht abhängt ist, dass du dich politisch interessierst, dann ist das ein Gewinn.

Für mich in München war sehr wichtig, dass wir bestanden haben. Lokal, aber auch mit anderen Gruppen der ISD in anderen Städten. Es war mir wichtig, dass wir eine lokale Gruppe aufbauen und stabilisieren, damit das nicht nur ein Strohfeuer wird. Die Gefahr bei so etwas ist, dass erstmal viel Enthusiasmus dabei ist, sehr viele Leute aufspringen und mitbestimmen wollen und das natürlich auch sehr schnell wieder verfliegen kann.

Wir haben schnell angefangen Formate zu entwickeln, mit denen wir unsere politischen Inhalte sichtbar machen konnten: Wir haben Filmveranstaltungen und Lesungen durchgeführt. Wir haben Führungen durch Ausstellungen gemacht. Wir haben uns selber eingeladen – auf Podiumsveranstaltungen, bei denen es um Rassismus ging und wo die damals wie heute nie auf die Idee gekommen wären, Schwarze Menschen anzusprechen. Wir haben also sehr schnell und wirklich nachhaltig eine große Bandbreite an Aktivitäten entfaltet. Audre Lorde ist ja auch noch in einige Städten gefahren und hat zum Beispiel in München eine Lesung abgehalten.

Mein zweiter Schwerpunkt war das ISD-Bundestreffen. Die ersten beiden Bundestreffen – Wiesbaden und Frankfurt – waren eintägige Veranstaltungen gewesen, bei denen die Leute irgendwo privat übernachtet haben. Das Bundestreffen in Berlin ging mehr oder weniger über ein Wochenende, aber auch mit privater Unterkunft. In Düsseldorf war es ähnlich. Die Anzahl der Menschen war noch sehr gering. Knapp 80 Leute, also ähnlich wie in Berlin. Das erste Bundestreffen, bei dem die Leute auch im Veranstaltungsort übernachtet haben, war 1988 oder 1989 in der Öko-Akademie-Linden, in der Nähe von München. Wir waren gut über 100 Leute und es war alles unter einem Dach: Essen, Übernachtung, Workshops, Seminare etc. Das wurde dann beibehalten. Wir haben später nach Locations gesucht, die größer waren. Danach waren es immer Jugendherbergen.

Diese beiden Hauptpunkte, die lokale Gruppe in München und das ISD-Bundestreffen, aber auch Formate wie Filmfeste, zum Beispiel in Düsseldorf und in Berlin, das waren die Standbeine. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Treffen allein – die natürlich wichtig waren für den Austausch – die Leute nicht wirklich an die Gruppen binden konnten. Ich hatte immer den Eindruck, dass beides wichtig sei: Einerseits, dass man wirklich konkrete Angebote und Aktivitäten schafft, bei denen Leute sich informieren, sich austauschen und diskutieren können. Andererseits, aber eben auch die Gruppen selbst, wo es um inhaltliche Fragen ging: Wohin wir wollen und was für eine Bewegung wir sein wollen.

Ich weiß nicht, ob wir das nicht eigentlich mal grundlegend erneuern müssten. Also ich bestimmt nicht mit meinen 55 Jahren, aber ich bin mir sicher, dass die ISD sich irgendwann auch mal neu erfinden muss; Dinge machen muss, die auch in Zukunft zeitgemäß sein werden. Unser Format, allein der Name zum Beispiel, ist sehr mit den 1980er Jahren verbunden und auch die Art und Weise wie wir zu Gruppentreffen einladen haben. Leute verbinden ja immer alles Mögliche damit, Selbsthilfegruppen etc. Das ist nicht unbedingt wahnsinnig sexy, das ist 1980er Jahre, ganz klar. Das würde wahrscheinlich jetzt so nicht mehr funktionieren.

Besonders Debatten über Solidarität zwischen Schwarzen Menschen und People of Color werden mit Sicherheit irgendwann zu einer Veränderung der Ausrichtung der ISD führen. Die Erfahrung von Menschen, die kürzlich migriert sind oder Fluchterfahrungen haben, all das wird die zweite oder dritte Generation der ISD bestimmt irgendwann verändern oder erneuern.”


Quelle: “Interview mit Tahir Della – November 2017,” geführt von Philipp Khabo Koepsell, erschienen in Sankofa BRD: Eine Dokumentation Schwarzer deutscher Kulturproduktion zur Zeit des Mauerfalls (Berlin: Epubli GmbH, 2017).


Tahir Della über die Anfänge der ISD (2017) by Philipp Khabo Koepsell is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International License.

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