Die schwarzen Kämmerer des »falschen Friedrich« im Rheinland und Hessen (1284)

Aus Clemens Specker, Österreichische Chronik (1476), Burgerbibliothek, Bern, Cod. A45, Bl. 71v

Nach dem Tode Friedrichs II. († 1250) traten unter König Rudolf immer wieder Personen auf, die behaupteten, der frühere Kaiser Friedrich zu sein. Darunter war ein gewisser Tile Kolup, der zunächst in Köln abgewiesen wurde, dann aber 1284 in Neuß und schließlich in Mainz, Frankfurt und Wetzlar eine große Anhängerschaft um sich versammelte. Zur Glaubwürdigkeit seiner Rolle als Friedrich II. trug auch ein geheimnisvoller Auftritt schwarzer Kämmerer bei, die ihn mit reichen Geldmitteln versorgten. Historisch ist vieles an diesen »falschen Friedrichen« ungeklärt, der Auftritt der schwarzen Kämmerer zeigt aber, wie sehr Friedrich II. bis weit über seinen Tod hinaus im öffentlichen Bewußtsein mit einem afrikanischen Gefolge identifiziert wurde.

Die folgende Episode ist zunächst in der ›Österreichischen Reimchronik‹ in Versen gestaltet, deren Inhalt hier in Prosa wiedergegeben ist. Die Reimchronik gehört ihrerseits zu den Vorlagen einer bebilderten Chronik, die heute in der Berner Burgerbibliothek aufbewahrt wird. Sie erzählt dieselbe Episode in größerem Zusammenhang, bringt aber gerade den spektakulären Auftritt der schwarzen Kämmerer auch in einer Abbildung.

Oliver Humberg


English

Hört jetzt, was im darauffolgenden Jahr geschah! König Rudolf kamen Gerüchte zu, ein Mann sei in die Stadt Wephlar (Wetzlar) gekommen, den man wie einen Herrn auftreten sah. Er behauptete auch öffentlich, er wäre der Kaiser Friedrich, der ehemals das Reich regiert hätte. Und als er dort lange genug sein Lager gehalten hatte, so ritt er zur Abwechslung bis nach Neuß. So sah man ihn auch von einer Stadt zur anderen ziehen, wo er sich nur aufhalten wollte. Von Gold und Silber war alles Geschirr, aus dem er aß und trank. Als man dem König davon berichtete, fragte er sich, woher jener die Mittel nähme oder aus welchen Quellen ihm die Mittel zuflössen, mit denen er so aufwendig seinen Unterhalt bestreite. Da erklärte jemand dem König:

»Ich sage Euch, Herr, wie er auftritt. Es ist nicht lange her, daß sein Wirt sich große Sorgen machte, weil er ihm [dem Kaiser] Geld vorgestreckt hatte. Und er bekam Bauchschmerzen bei dem großen Aufwand, den er [der Kaiser] mit dem einfachen Volke trieb. Da nahm er [der Kaiser] den Wirt beiseite und sagte zu ihm: ›Ihr müßt Euch keine Sorgen um Euer Geld machen. Reitet nur morgen früh auf das Feld hinaus, noch ehe die Sonne scheint! Dort werden Euch Fremde begegnen aus dem Morgenland. Die fragt weiter nichts als nur, ob sie meine Kämmerer seien. Und wenn sie das bejahen, dann führt sie ohne alle Sorge geradewegs zu mir!‹

Dem Wirt wurde die Nacht lang. Er überlegte hin und her, wenn die Boten nicht kommen würden, wie er dann bezahlt bekäme, was ihm sein Gast schuldig war. Noch ehe der Sonnenschein sich ganz zeigte, eilte der Wirt geschwind, gar nicht träge, auf die Fernstraße. Um keinen Preis wollte er zu spät sein, er wollte der Sache eine Ende haben. Da sah er drei Mohren ihm entgegentraben, ganz schwarz wie Pech, so waren sie gefärbt, und da ihnen das Haar kraus und neben den Ohren geschoren war, hielt der Wirt dafür, daß sie Mohren waren. Und er sprach sie sogleich an und bat sie um Auskunft, ob sie die Kämmerer seien, die den Kaiser besuchen sollten. Da sagten sie ja, sie wollten zum Kaiser reiten. ›So sollt Ihr hier nicht länger warten‹, sprach der Wirt zu ihnen, ›ich führe Euch unverzüglich dorthin, wo der Kaiser sich aufhält.‹ Dem Wirt wurde leichter ums Herz, als er zwei vollbeladene Saumtiere bei ihnen sah. Er beeilte sich, mit den Fremden zurück in sein Haus (zu kommen). Der Kaiser empfing seine Kämmerer ohne Verzug, danach ging er mit ihnen in eine geheizte Stube. Was sie darin taten, davon wußten die Leute nichts, außer daß der Kaiser kurz danach seinen Wirt an der Hand zu den Tragetruhen führte. ›Was nur darinnen ist‹, sprach der Kaiser zu ihm, davon nimm Dir, lieber Wirt, soviel als ich Dir schulde, und verwende, was übrig bleibt, für meine künftige Bedienung!‹ ›Herr, Ihr sollt auf nichts verzichten müssen, was ich leisten kann.‹

Wohin sich die Boten wandten, die schwarzen Kämmerer, das erfuhr der Wirt nicht. Als dieser seine Ansprüche sichergestellt bekommen hatte, verlangte der Kaiser von ihm, er solle mit den Kämmerern nach höfischer Sitte ein wenig vor die Stadt reiten. Worum immer er [der Kaiser] ihn bat, das wurde ihm nicht abgeschlagen. Der Wirt ritt mit ihnen [den Kämmerern] ein wenig auf das Feld hinaus. Es bleibt unbekannt, welche Richtung die Fremden dann einschlugen, denn das wußte wirklich niemand.

Quelle: Ottokars Österreichische Reimchronik, in: Deutsche Chroniken und andere Geschichtsbücher des Mittelalters V/1, MGH Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi, Deutsche Chroniken, Nr. 5/1, Hannover 1890, Verse 32182–32297, nacherzählt von Oliver Humberg, durchgesehen von Christian Sonder.


Der »falsche Friedrich« in einer schweizerischen Chronik

Nacherzählung in heutigem Deutsch

Im Jahr darauf erfuhr König Rudolf von dem Gerücht, daß ein Mann in die Stadt Wepfler (Wetzlar) gekommen sei, der öffentlich behauptete, er wäre Kaiser Friedrich. Er zöge auch von einem Ort an den anderen und hätte auch unsagbar viel Silber. König Rudolf fragte, woraus er seine Kosten bestreite. Da berichtete jemand dem König Rudolf, daß sich dessen Gastgeber auch schon um die Kosten Sorgen gemacht habe. Den [Gastgeber] hieß er [der angebliche Friedrich] morgens früh vor die Stadt gehen, da würden seine Kämmerer zu ihm kommen, die solle er in seine Unterkunft führen. Das tat der Gastgeber auch. Da kamen schwarze Leute wie Mohren zu ihm geritten und hatten große Reisetaschen mit Silber bei sich.

[Neben der Abbildung am Rand] Hienach [sieht man], wie ein Wirt aus seinem Haus geht und ihm schwarze Leute auf großen Rössern begegnen mit Reisetaschen, und wie der Wirt sie mit sich nach Hause nimmt und sie ihm soviel Geld und Gold aus den Taschen geben, daß er bezahlt wurde.

Die führte der Gastgeber mit sich in sein Haus. Die brachten viel Silber und Gold, mit dem der Gastgeber abgefunden wurde. Die ganze Geschichte war nachteilig für den Ruf des Königs. Als man bald darauf erfuhr, daß die schlechte Meinung zuweitzugehen drohte und er [der angebliche Friedrich] viel Zulauf bekäme, wurde König Rudolf davor gewarnt. Der König versammelte seine Räte und beschied den Bürgern zu Mainz, sie sollten ihm den Betrüger schicken. Das wollten sie aber nicht tun. Daher legte er sich vor die Stadt und schickte, um aus der Stadt Nachricht zu erhalten, den Burggrafen Friedrich von Nürnberg und den Grafen Eberhart von Katzenelnbogen. Die ritten mit Gefolge in die Stadt und befanden eindeutig, daß der Betrüger zu jung wäre, um so alt zu sein wie Kaiser Friedrich. Und sie forderten ihn von den Bürgern seine Überstellung, die ihn schließlich auslieferten. Der Betrüger bat alle seine Anhänger, guten Mutes zu sein und keinen Zweifel zu haben, daß man ihm etwas antun würde. So wollte er trotzdem am nächsten Morgen früh nach Frankurt zu ihnen kommen. Und da man ihn vor König Rudolf brachte, antwortete er ganz geschickt auf alles, was er ihn fragte. Doch es stellte sich klar heraus, daß er ein Betrüger war. Da bat der König darum, über den Betrüger Recht zu sprechen. Er wurde zum Feuer verurteilt und der Betrüger wurde auf einem Gerüst verbannt. Da erhob sich im Volk eine große Meinungsverschiedenheit. Viele sagten, er sei ein Totenbeschwörer gewesen, die anderen sagten, sie fänden in dem Feuer nichts von seinen Knochen, und das käme von Gottes Kraft, daß Kaiser Friedrich leben sollte, um den Priestern zu lästern, sie zu schmähen und zu vertreiben. Das geschah im Jahr 1276 nach Christi Geburt. König Rudolf schuf überall guten Frieden.

Transkription/Umschrift

[…] Des nechsten Järs därnach ‧ Do köment dem kùng Růdolffen mer ‧ Daz ein man kumen wer jn die statt ze Wepffleren der doch offenlichen spreche ‧ Er were keiser Fridrich ‧ Er zöch öch vo(n) einer statt zů der Andren vnd hatt öch gross silber ön sag. Kung Ruͦdolff frägt wa er nemi die zerung Do seit kùng Ruͦdolff einer ‧ Wie daz sin wirt öch vm(b) die zeru(n)g hetti gesorgett ‧ Den hies er des morgens Frů ‧ Fùr die statt gön. So kement zů Jme sine kamrer die solte er jn daz huse wisen. Daz tett der selbe wirt. Zu dem köment schwartz lùtt als die mören geritten vnd Fürtend grosse wättsek mitt silber

[Neben der Abbildung am Rand] Hiernach wie ein wirt ussz sim hus gät vnd jm schwartz lùt uff grossen rossen bekome(n)t mit wättseke(n) vnd der wirt sy mitt jm heim fůrt vn(d) jm gelt vn(d) gold usser de(n) seken gäbe(n)t dz er bezalt ward.

Die wiset der wirt heim jn sin hus. Die brächtend uil silbers vnd goldes där mitt der wirt sines gelltes ward bericht Daz zoch kùng Růdolff alles jn einen schimpff ‧ Nu(n) ward gar kurtzlichen vernumen daz der schimpff wolt ze fer gediche(n) Vnd sich uil volkes an jn kertt Nu(n) ward kùng Růdolff där jnn gewarnet ‧ Der kùng besamlott sine rott ‧ Vnd en bott zu me(n)tz den Burgern daz sy jm den Trugner santind. Des woltend sÿ nitt endůn. Dar vm(be) leitt er sich fùr die statt. Vnd Santt öch die statt ze eruaren die mer ‧ Burggräff Fridrichen von Nùerenberg vnd Gräff Eberharten von kattzenelenbogen die rittend jn die statt mitt geleitt Vnd erfundent daz kunttliche(n). Daz der trugner ze ju(n)g waz zů keissers Fridrichs Jären ‧ Vnd fordratend an die Burger die jn doch ze || Jungst Anttw[r]tend ‧ Der trugner batt Alle die ‧ Die es mitt Jm hieltind. Daz sy nu(n) ein gůtten můtt Hettind vnd en kein zwiffell hattind waz man jm antett. So wolti er dennocht des morges frů zů Frankfurt zů jnnen komen. Vnd do man jn brächt fùr kùng Růdolffen. wes er jnn Frägt dz fer Anttwrt er jm listenklich Doch so ward daz kuntlichen erfunden dz er were ein Affer do frägt der kùng där über ze ertaillen daz recht dem affer daz fùr ward jm ertailt ‧ Den affer man där nach uff einer hurd verbrant. Nun hůb sich vnder dem folk ein gross widerteil Ettlich sprächent er were gewesen ein nigromanticus ‧ die anderen sprächend sy fundint jn dem fùr sines gebeins nùtzit Vnd keme her vo(n) gottes kraft Daz keisser Fridrich lepte Vn(d) die priester lestren schmeche(n) vn(d) fertriben ‧ dz ist beschenhe(n) näch Cristi gebùrt zwoͤlff hundart vnd sechs vn(d) sùbenzig jär ‧ Kùng Růdolff schůff ùber all gůten frÿd.

Quelle: Österreichische Chronik der 95 Herrschaften, Burgerbibliothek Bern, Cod. A 45, Blatt 71v–72r, transkribiert und nacherzählt von Oliver Humberg, durchgesehen von Christian Sonder.


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