„Einer von ihnen aus Kamerun!“ (1891)

Die Errichtung deutscher „Protektorate” im Ausland hatte für zumindest die Verwalter den unerwarteten Effekt, Migranten, insbesondere aus den afrikanischen Kolonien, nach Deutschland zu bringen. Obwohl die Zahl der Afrikaner insgesamt gering war und sich hauptsächlich auf Berlin und Hamburg konzentrierte, waren sie dennoch sichtbar und mussten regelmäßig alle möglichen aufdringlichen und beleidigenden Begegnungen ertragen. Diese wurden im Allgemeinen nicht als berichtenswert angesehen, außer von einer sehr kleinen Anzahl von Berichterstattern, aber die unten beschriebene Veranstaltung zog die Aufmerksamkeit der Presse, aufgrund der Größe und Aggressivität der missbrauchenden Menge, auf sich. Dies zeigt die Grenzen der öffentlichen Äußerung rassistischer Feindseligkeit: Man beachte die Bemühungen der Polizisten zur Aufrechterhaltung der Ordnung und zum Schutz der beiden Männer sowie die Kritik der Zeitung am „lümmelhaftem” Missbrauch, der nur auf dem unverwechselbaren Erscheinungsbild eines Mannes beruht. Es ist unklar, ob es sich bei dem betreffenden Mann tatsächlich um einen Kameruner handelte, aber die Tatsache, dass er als solcher identifiziert wurde, spiegelt die Bedeutung wider, die Kamerun unter allen neuen Kolonien 1891 in der öffentlichen Vorstellung hatte.

Jeff Bowersox (translated by Lilian Gergely)


English

“Jene aus Kamerun!” Unter solchen Rufen wurden am gestrigen Abend im Norden Berlins von dem Publikum und der Straßenjudend in geradezu pöbelhafter Weise zwei Personen belästigt, nur weil die eine andersfarbig war und etwas von der Mode abweichende Kleidung trug. In kurzer Zeit hatten sich wohl tausende von Menschen in der Brunnenstraße angesammelt. Die beiden Fremden waren umbraust von einer tosenden Menschenfluth, deren sie sich verschidene Male, leider vergeblich, durch Aussteigen auf die Pferdebahn zu entziehen suchten. Der auf der Straße postirte Schutzmann erhielt mehrere Mann Succurs um die Menschenmenge zu zerstreuen. Inzwischen hatten sich die Fremden in einen Hausflur geflüchtet. Dort warteten sie unter dem Schutz der Polizei den nächsten nach dem Spittelmarkt gehenden Pferdebahnwagen ab, den sie von tausendstimmigen Geschrei begleitet, schleunigst bestiegen, worauf der Kutscher im schnellsten Tempo den Wagen gehen ließ, hinter welchem über die ganze Straßenbreite eine Schaar flinkfüßiger Burchen mit lautem Gejohle folgte. An der Anklamerstraße wo der Wagen hielt, mußte der Kutscher durch Schläge eine Menge zudringlicher Kinder hinwegtreiben, sonst wäre womöglich noch ein Unglück passirt.


Quelle: “‘Eene aus Kamerun!’,” Teltower Kreisblatt (30 May 1891), 2.


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