Grada Kilomba und René Aguigah erörtern Identität und Differenz (2015)

Im Jahr 2015 veranstaltete das Berliner Veranstaltungszentrum Hebbel am Ufer (HAU) das Festival Return to Sender. Neben in Deutschland ansässigen Künstlern und Performern luden die Organisatoren afrikanische Künstler ein, auf die Traditionen des europäischen Imperialismus zu reagieren, die den Afrikanern historisch das Recht verweigerten, für sich selbst zu sprechen. Gemeinsam beschäftigten sich die Künstler mit den Hinterlassenschaften des Kolonialismus, überwanden aber auch diese Hinterlassenschaften, indem sie sich mit neuen Verbindungen und Herausforderungen befassten, die verschiedene Orte auf der ganzen Welt miteinander verbinden.

Für die begleitende Publikation führten die Organisatoren unter der Leitung von Anne Häming ein Gespräch zwischen der portugiesischen Schriftstellerin Grada Kilomba und dem deutschen Journalisten René Aguigah. In einem umfangreichen Gespräch sprachen sie über das Gefühl, in Sprache zu Hause zu sein, die mangelnde Bereitschaft der Öffentlichkeit, sich mit den Verbrechen und Hinterlassenschaften des Kolonialismus auseinanderzusetzen, den Irrtum, Europa einfach als „weiß” und Afrika als „schwarz” zu sehen, und wo der deutsche Rassendiskurs im Vergleich zu den Diskussionen in anderen Ländern steht. Gegen Ende ihres Gesprächs, in der unten exzerpierten Passage, waren sie sich nicht einig, wie die Gesellschaft mit „Differenz” umgehen sollte. Inwieweit verstärkt eine Diskussion über Differenz im Allgemeinen das „Othering” bestimmter Personengruppen? Konkret gesagt: Können weiße Deutsche eine Person der Farbe fragen, „woher kommst du”, ohne rassistisch zu sein, und inwieweit sind Begriffe wie „Afrodeutsch” offen für öffentliche Diskussionen? 

Jeff Bowersox (übersetzt von Lilian Gergely)


English

Anne Häming (AH): [Achille] Mbembe findet auch: Differenz muss proklamiert werden, um über Marginalisierung und Rassismus reden zu können. Stimmt Ihr zu?

René Aguigah (RA): Ja, man sollte die Differenz
nicht negieren. Mit Sätzen des
 Typs “Du bist doch einfach 
Deutscher”, fühle ich mich
 nicht wohl. Auch wenn ich in
 Deutschland geboren bin, auch 
wenn ich hier lebe und in der 
deutschen Sprache arbeite – 
ich habe doch ein starkes Bewusstsein davon, anders zu sein als die dominante Kultur; wobei dieses Bewusstsein natürlich nicht zuletzt von der dominant-deutschen Umgebung mitgeprägt wurde. Der Postkolonialismus-Theoretiker Homi Bhabha hat in den 90er Jahren einmal formuliert: “I am white, but not quite”. Mit diesem Spruch kann ich viel anfangen.

AH: Und Du, Grada, definierst Du Dich als “anders”, als “Other”?

Grada Kilomba (GK): Ich glaube, Mbembe meinte vor allem: Ich werde erst zur “Other”, wenn jemand die Macht hat, mich als solche zu definieren – und sich damit selbst als Norm setzt. Leute berühren meine Haare, schauen mich an und fragen: “Woher kommst Du?”. Man wird nicht diskriminiert, weil man anders ist, sondern man wird zu einer anderen gemacht durch Diskriminierung.

RA: Diese Frage kann in bestimmten Kontexten fies sein, aber für sich genommen finde ich sie nicht rassistisch. Sie kann auch der Beginn eines Gesprächs sein – ein ganz alltägliches oder auch ein Gespräch zwischen Fremden im emphatischen Sinne, wie es Kwame Anthony Appiah in seinem Buch “Der Kosmopolit” entwirft. Und Zentren und Ränder, Normen und Abweichungen? Die gibt es. Man kann sie bekämpfen, verändern, umkehren – und sollte das auch. Aber man kann nicht bestreiten, dass es sie gibt.

GK: Es ist aber wichtig wahrzunehmen, dass diese Normen und Differenzen immer mit Ausgrenzung verbunden sind. Eine neue Generation von Afro-Deutschen will nicht mehr gefragt werden, woher sie kommen.

AH: Würdest Du Dich als Afro-Deutscher bezeichnen, René?

RA: Ehrlich gesagt, vermeide ich, ohne dass ich darüber viel nachgedacht hätte, jedes Wort, das meine ethnische Identität definieren würde. “Afro-Deutscher” trifft vermutlich sachlich zu, aber der Ausdruck klingt so technisch wie “Lebenspartner”.

GK: Ich finde diese Frage sehr unfair.

AH: Wieso?

GK: Weil dieser Begriff “Afro-Deutscher” eine politische Funktion hat. Den haben betroffene Gruppen geprägt, um sich selbst zu definieren und so von rassistischen Zuweisungen abzugrenzen. Egal, wie ich mich individuell positioniere, sollte eine politische Bewegung nicht problematisiert werden. Das Gleiche gilt für die Frage, ob ich Feministin bin.

RA: Ich finde die Frage nicht unfair. Ich bin ganz dankbar dafür, weil sie mich darauf gebracht hat, wie fern mir die Selbstbezeichnung als Afro-Deutscher liegt. Für meine ethnische Identität gibt es kein Wort, das ich befriedigend fände, fürchte ich.

AH: Im Deutschen gibt es den Ausdruck: “Mitbürger mit Migrationshintergrund”. Mitte Februar haben Migrations-Verbände auf einer Konferenz beschlossen: Wir wollen “Neue Deutsche” genannt werden. Eine Kritik lautet, dass damit Differenz verschwindet und es schwer wird, Diskriminierung zu benennen.

RA: Ich verstehe diesen Impuls als einen republikanischen, inklusiven, der beim “Deutschen” nicht aufs Blut setzt, sondern eher auf die Menschen, die hier leben. Andererseits nivelliert der Ausdruck die Differenz, die in “white, but not quite” steckt. Ich habe nichts dagegen, auf der Differenz zu beharren. Daher finde ich auch die Frage: “Woher kommst Du?” nicht schlimm. Wenn jemand in mir das sieht, was mich vom, sagen wir: dominant Deutschen unterscheidet, und wertfrei danach fragt, ist das kein Problem. Auch meine Wahrnehmung der Welt gehorcht einem Spiel von Muster und Abweichung.

GK: Aber man kann das eine nicht vom anderen trennen. Differenz ist für mich immer verbunden mit Machtverhältnissen und Diskriminierung, mit der Geste: Du weichst ab von der herrschenden Norm. Es wird eine Normalität gesetzt, und das ist abwertend.

RA: Aber eine Differenz zu markieren heißt nicht immer Abwerten. Und Abwerten heißt nicht un- bedingt Ausschließen. Das sind unterschiedliche Dinge. Einen Unterschied festzustellen, kann der Beginn eines Gesprächs sein, und wir müssen uns doch unterhalten, uns austauschen – wie sonst sollen wir miteinander oder auch nur nebeneinander leben in einer Welt von Fremden?


Quelle: Dieses Interview wurde 2015 für die Publikation „Return to Sender“ geführt, die das HAU Hebbel am Ufer (Berlin) begleitend zum gleichnamigen Festival herausbrachte. www.hebbel-am-ufer.de


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Grada Kilomba und René Aguigah erörtern Identität und Differenz (2015) by Jeff Bowersox and Lilian Gergely is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License. Permissions beyond the scope of this license may be available at https://blackcentraleurope.com/who-we-are/.