Hugo Ball exposes the myth of primitive authenticity (1916)

Hugo Ball (1886-1927) was an author and poet perhaps best known for his contributions to Dadaism. In this excerpt from his diary, he critiques the late nineteenth-century French poet and relentless traveler Arthur Rimbaud (1854-1891) for the idealized view of “negroes” (nègres) expressed in his 1873 poem “Season in Hell” (Saison en Enfer). Rimbaud depicts Africans as simple brutes and thus more natural and redeemable than the “false negroes,” those Europeans who act bestially because they have been corrupted by the decadence of civilization. Ball points out how Rimbaud’s fantasy had little to do with actual Africans or any other rural peoples but everything to do with his discontent with modern life.


20 April 1916:

In unserer Astronomie darf der Name Arthur Rimbaud nicht fehlen. Wir sind Rimbaudisten, ohne es zu wissen und zu wollen. Er ist der Patron unserer vielfachen Posen und sentimentalen Ausflüchte; der Stern der modernen ästhetischen Desolation. Rimbaud zerfällt in zwei Teile. Er ist ein Poet und ein Refraktär, und das letztere mit überwiegender Bedeutung. Er opfert den Dichter dem Flüchtling auf. Als Poet hat er Großes geleistet, doch nicht das Letzte. Ihm fehlt die Gelassenheit, die Gabe des Zuwartenkönnens. Eine wilde oder verwilderte Anlage steht den priesterlich-sanften, den maßvollen Grundkräften eines synthetischen Menschen, eines geborenen Dichters, bis zur Vernichtung im Wege. Einklang und Equilibre erscheinen ihm nicht nur zeitweise, sondern fast ununterbrochen als sentimentale Schwächen, als luxuriöse Inkantationen; als ein vergiftetes Angebinde der sterbesehnsüchtigen europäischen Welt. Er fürchtet, der allgemeinen Erschlaffung und Verweichlichung zu erliegen; fürchtet, der Dupe einer nichtswürdigen Dekadenz zu sein, wenn er den schüchternen, stilleren Regungen folgte. Er kann sich nicht entschließen, diesem Europa die Fata Morgana glanzvoller Abenteuer zu opfern.

Rimbauds Entdeckung ist der Europäer als der >falsche Neger

Er hatte eine religiöse, ein Kultideal, von dem er selbst freilich nur das eine wußte, daß es größer und wichtiger sei als eine poetische Sonderbegabung. Diese Ahnung gab ihm die Kraft, freiwillig auszuschneiden, annulierend, was er geschaffen, wären es selbst Meisterstücke dessen, was man zu seiner Zeit unter europäischer Dichterkunst verstand.


Source: Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit (Munich: Duncker & Humblot, 1927).